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Gamescom: Bernd das Brot als unfreiwilliger Adventure-Superheld

Das depressive Kultbrot des Fernsehsenders Ki.Ka agiert mit seinen zu kurzen Armen in einem Batman-Kostüm und muss sich zu allem Überfluss dabei auch noch von Computernutzern steuern lassen.

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Was für ein Spiel mag es sein, in dem Bernd das Brot ein "nicht atmungsaktives" Batman-Kostüm anziehen und in Begleitung seiner hassgeliebten Freunde Chili und Briegel auf skurrilen Umwegen die Welt retten muss? Die Antwort von Bernd-Schöpfer Tommy Krappweis auf der heute zu Ende gehenden Gamescom war eindeutig: "Zu kurze Arme, keine Knarren: Ego-Shooter fiel also schon mal aus."

Bernd das Brot ist seinem Schöpfer Tommy Krappweis nicht besonders dankbar für den Superhelden-Einsatz. Des einen Freud, des anderen Leid ...

Tatsächlich ist "Bernd das Brot und die Unmöglichen" ein drolliges Point-and-Click-Adventure, das Krappweis' "bumm"-Studio gemeinsam mit dem Münchner Entwicklerteam Chimera Entertainment im September für Windows-PCs herausbringt. Sie möchten es auch für Mac OS X und für Tablets umsetzen; ob das tatsächlich geschieht, ist aber noch nicht sicher. Um die Entwicklung zu finanzieren, erhielten die in München ansässigen Macher Unterstützung vom bayerischen Wirtschaftsministerium und vom FilmFernsehFonds Bayern. Auf der Gamescom präsentierte Tommy Krappweis gemeinsam mit seinen Mitstreitern Norman Cöster und Sebastian Voß das Spiel vor Fachpublikum und hatte dabei sichtbar Spaß.

Das Adventure ist klassisch gestaltet; seine animierten 3D-Figuren sind im Comic-Stil gehalten. Die Protagonisten treten beim Ki.Ka eigentlich in Form großer Armpuppen auf. Sie fürs Spiel in Computeranimationen umzusetzen und ihren Charakter dabei zu bewahren, war laut Krappweis nicht einfach. Wie man auf der Gamescom sah, ist das aber ziemlich glaubwürdig gelungen. Die aus dem Fernsehen bekannten Figuren sind von den Originalsprechern synchronisiert worden. Das trägt dazu bei, dass die Akteure auf dem Computermonitor authentisch wirken. Dazu gibt es jede Menge Musik, die eigens von einer fünfköpfigen Band eingespielt wurde.

Selbst Chilis quirliges Temperament ist nicht imstande, diesen Schauplatz in freundlicherem Licht erscheinen zu lassen.

Die Spielstory ist voll von überschäumendem, köstlichem Nonsens. Die Statue des erkälteten und Skat spielenden Yakks ist verschwunden. Sie ist aber dringend nötig, um die lebenswichtigen Gäste aus Langolien nicht zu verprellen: Diese pflegen in einem traditionsreichen Event genau jene Statue mit Teebeuteln zu bewerfen. Da muss das Superhelden-Trio "Die Unmöglichen" ran – bestehend aus Batman-Bernd, Chili und Briegel – um die Statue wiederzufinden. Standesgemäß haben sie auch einen Widersacher, einen Schurken von Format mit Herrschaftsfantasien: Er will die Dominanz der Yakk-Produkte brechen und stattdessen ein Llama-Wirtschaftsimperium errichten. Auf ihrem Weg durch das Abenteuer müssen Bernd & Co. unter anderem eine Zeitreise in die Pixeligkeit unternehmen, während der sich auch das Erscheinungsbild des Spiels plötzlich ändert.

Das Adventure wird Rätsler, die sich auf ungewöhnliche Objektkombinationen im Stil der alten Lucas-Arts-Spiele verstehen, rund sechs bis acht Stunden beschäftigen. Ungewöhnlich ist die Art, wie es auf untaugliche Lösungsversuche der Spieler reagiert: Es bringt nicht einfach eine stereotype Reaktion, sondern bietet eine bunte Vielfalt amüsanter Repliken. Nur um möglichst viele davon zu hören wird mancher Spieler immer wieder einen rätseltechnischen Holzweg beschreiten.

Comedy-Altstar Tommy Krappweis, der bei "RTL Samstag nacht" in den späten 1990er-Jahren zur Stammbesetzung gehörte, hat seinen Schwerpunkt mittlerweile auf die andere Seite der Kamera verlagert: Als Produzent, Regisseur, Fernseh- und Buchautor sowie Musiker ist er in vielen Bereichen aktiv, hat aber die Comedy-Bühne dabei nicht aufgegeben. Gemeinsam mit Norman Cöster und Erik Haffner erfand er Bernd das Brot, das seit 2000 im öffentlich-rechtlichen Kinderfernsehkanal Ki.Ka zu sehen ist und dort bei Klein und Groß zum Kultstar avancierte. Zum Bernd-Universum gehören unter anderem das weibliche Stuntschaf Chili und der Katastrophen-Erfinder Briegel der Busch.

Bernd kann seinen guten Rat, den er jedem Spieler gibt, leider selbst nicht mehr beherzigen.

Die USK-Freigabe des Spiels "ab 0" und die Herkunft seiner Protagonisten aus dem Ki.Ka kann leicht einen falschen Eindruck erwecken: Mit seinem Um-Sieben-Ecken-Humor und seinen anspruchsvollen Rätseln ist das Bernd-Adventure nichts für kleine Kinder, worauf seine Macher auf der Gamescom auch deutlich hinwiesen. Es soll eher junggebliebene Nonsens-Freunde ansprechen, die Spiele nach Monkey-Island-Rezept schätzen. Ein breites Fanpotenzial hat das Point-and-Click-Abenteuer nicht zuletzt im treuen Publikum der Ki.Ka-Nachtschleifen, das die Pechsträhnen des identifikationstauglichen Kastenbrots stets dann verfolgt, wenn die Kleinen bereits schlummern. Das Spiel soll zum Handelsstart in einer Blech-Brotbox mit Bonus-DVD für rund 30 Euro erhältlich sein.

(Stephan Greitemeier) / (psz)

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