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Gegenwind für Scientology-Protestbewegung Anonymous

Am Samstag fand die fünfte weltweite Protestwelle der Internet-Bewegung "Anonymous" statt. Anonymous demonstriert seit Februar im Monatsrhythmus gegen die Praktiken der Scientology-Organisation.

Anonymous formierte sich Ende Januar spontan gegen Scientology. Die Teilnehmer organisieren sich über Web-Foren, Wikis und Chat-Räume. Entscheidungen werden im Konsens getroffen; die Aktivisten haben keine Anführer. Die meisten Beteiligten kennen einander nur über ihre Online-Aliase. Es ist das erste Mal, dass sich eine Protestbewegung dieses Ausmaßes im Web formiert und regelmäßige weltweit koordinierte Demonstrationen veranstaltet.

Die gern als Religion auftretende Organisation Scientology zog die Aufmerksamkeit der anonymen Opponenten zunächst durch plumpe Zensurversuche auf sich. Zu den Hauptkritikpunkten gehört, dass Scientology seine Mitglieder ausbeute und Kritiker drangsaliert. Nach einer kurzen DDoS-Attacke besonn sich Anonymous schnell um. Seitdem tritt die Bewegung in Form friedlicher Massenkundgebungen auf.

Bei den bislang größten Demonstrationen im März trafen weltweit knapp 9000 Protestler vor ihren örtlichen Scientology-Zentralen zusammen. Seitdem geht die Zahl der Protestierenden langsam, aber deutlich zurück. Im Mai waren es noch knapp 4000 Demonstranten, für den 14. Juni wurden bislang nur etwas über 3000 Teilnehmer gezählt. Auch dieses Mal war die Demonstration wieder eine Mischung aus Protestkundgebung und humoriger Straßen-Party. Sie stand unter dem Motto "Operation Sea Arrrgh", eine Anspielung auf die Scientology-Eliteeinheit "Sea Org". Dem Anlass entsprechend waren viele Demonstranten als Piraten verkleidet.

Die größten Mengen trafen abermals in London, New York, San Francisco und Washington D.C. zusammen. Andere Orte wie Toronto zählten nur noch einen Bruchteil der Demonstranten von vergangenen Kundgebungen (März: ca. 260; Juni: ca. 50). Die deutschen Veranstaltungen in Berlin, Düsseldorf und Frankfurt fanden deutlich weniger Zulauf als im Mai. In Hamburg, München und Stuttgart wuchs die Menge der Demonstranten hingegen.

Derzeit verlagert Anonymous seine Aktivitäten in wachsendem Maße auf "Flash Raids". Bei diesen spontanen Aktionen stellt sich eine Handvoll Anonyme vor Dianetik-Ständen auf, um Passanten mit Flugblättern vor Scientology zu warnen. Scientology reagiert darauf mit altgedienten Methoden. Im australischen Sydney und Berlin verteilte die Organisation eigene Flugblätter – gegen Anonymous. Verzerrende Zitate sollen den Eindruck erwecken, die Bewegung setze sich aus destruktiven Cyber-Chaoten zusammen.

Anonymous konnte jedoch ebenfalls punkten. Anfang des Monats wurde der YouTube-Zugang "XenuTV" des langjährigen Scientology-Kritikers Mark Bunker wieder freigeschaltet. Dazu reichte Bunker einen DMCA-Einspruch ein. Der US-Fernsehjournalist war von Unbekannten aufgrund eines Verstoßes gegen die YouTube-Nutzerbedingungen denunziert wurden.

In London wurde ein 16-jähriger Demonstrant freigesprochen, dem die Polizei auf der Kundgebung von 10. Mai eine gerichtliche Vorladung ausgehändigt hatte. Stein des Anstoßes war, dass das Plakat des Jugendlichen Scientology als "Kult" bezeichnete, wogegen Angehörige der Organisation Anzeige wegen Beleidigung erstatteten. Die Londoner Polizei will den Fall nicht weiter verfolgen.

Die nächste Demonstrationswelle von Anonymous gegen Scientology soll am 12. Juli stattfinden. (ghi)

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