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Geomagnetisches Stürmchen droht

Sensationsmeldungen in der Boulevardpresse verkünden einen gigantischen Sonnensturm. Experten erwarten tatsächlich nur ein Ereignis mittlerer Stärke.

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Für Verunsicherung sorgen derzeit Meldungen in der Boulevardpresse über einen drohenden Magnetsturm, dessen Einsetzen in der kommenden Nacht zu Samstag erwartet wird. Bild Online beispielsweise sieht einen "gigantischen Sonnensturm" im Anmarsch, der der stärkste seit Jahren sein soll. Auch Spiegel online titelte mit "Sonnenexplosion XXL: Gewaltiger Magnetsturm steuert auf die Erde zu". Inzwischen ist diese Meldung geändert.

Das US-amerikanische Space Weather Prediction Center hat ein waches Auge auf das Weltraumwetter. Es erfasst in Echtzeit die Röntgen- und Teilchenstrahlung der Sonne und ermittelt das Rauschen im Funkspektrum (solarer Flux). Koronagrafen zeichnen Masseströme auf, die die Sonne ins All schickt und die Satelliten Stereo A und B liefern ein detailliertes 3D-Bild von Plasmawolken um die Sonne herum. In den zurückliegenden Jahren sind die Vorhersagen über Stürme deutlich verbessert worden, denn diese sind für die Raumfahrt extrem wichtig.

Mitunter produziert die Sonne sehr eindrucksvolle Plasmawolken, die sich mit Koronagrafen an Bord von Satelliten aufzeichnen lassen.

(Bild: NASA)

Derzeit fliegt wieder einmal eine größere Plasmawolke auf die Erde zu. Sie ist durch ein sogenanntes X-Klasse-Flare entstanden, ein Röntgenstrahlungsausbruch der höchsten Energieklasse, der am Abend des 10. September (MESZ) statfand. Der genaue Wert betrug X 1,6, eine Größenordnung, die häufig auftritt. Das SWPC stuft diese Stärke in Klasse 3 einer fünfteiligen Skala ein. Die nächste Klasse beginnt erst bei X 10. Diese Röntgenstrahlung wird von der Atmosphäre komplett ausgefiltert. Sie regt die Ionosphäre an und beeinträchtigt Kurzwellenverbindungen (3 bis 30 MHz), die über Raumwellenausbreitung, also per Reflexion an der Ionosphäre zu Stande kommen.

Das Flare löste auch einen Strahlungssturm aus. Dabei steigt die Zahl der von der Sonne emittierten hochenergetischen Protonen stark an. Sowohl die Protonen mit >= 10 MeV als auch die mit >= 100 MeV erreichten die Warnschwelle bei 10 beziehungsweise 1 Partikel pro Quadratzentimeter pro Sekunde am Sensor des Messsatelliten. Dieses Ereignis rangiert auf der fünfteiligen Skala bislang gerade einmal auf Stufe 1 und es sieht derzeit nicht so aus, als würde Stufe 2 erreicht. Ereignisse dieser Stärke beeinflussen lediglich transpolare Kurzwellenverbindungen.

Der Ausbruch fand auf der Sonne bei 15 Grad nördlicher und 9 Grad östlicher Breite statt, also sehr zentral auf der sichtbaren Sonnenscheibe. Er schleuderte auch eine Plasmawolke ins All, die nun auf dem Weg zur Erde ist und diese recht präzise treffen wird. Tags zuvor hatte ein wesentlich kleinerer Röntgenstrahlungsausbruch (nicht klassifiziert) bereits eine Plasmawolke Richtung Erde ausgestoßen, die sich aber langsamer bewegte.

Die beiden Schockfronten werden die Erde in kurzem zeitlichem Abstand erreichen, weil die schnellere die langsamere fast einholt. Das SWPC rechnet aber nur mit einem geomagnetischen Sturm der Stärke drei auf der fünfteiligen Skala. Schäden sind bei einem Ereignis dieser Klasse nicht zu erwarten. Zuletzt trat ein solches Ereignis Ende Juni auf. In den zurückliegenden Sonnenfleckenmaxima gab es solche Stürme über Jahre hinweg im Abstand von wenigen Wochen, ohne dass diese Schäden hinterlassen hätten. Erst wenn die höchste Kategorie erreicht ist, geraten Satelliten und Stromnetze in Gefahr; ob tatsächlich Probleme auftreten und wie groß diese sind, hängt von verschiedenen Parametern ab.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Stärke des Sturms dazu ausreicht, in Norddeutschland ein sichtbares Nordlicht an den Himmel zu zaubern. Wenn ja, würde das Licht des derzeit immer noch nahezu vollen Mondes die Sichtbarkeit der leuchtschwachen Erscheinung erheblich beeinträchtigen. Spannend wird es, sobald die Satelliten-Magnetometer des SWPC starke Ausschläge verzeichnen. In der vergangenen Nacht hat bereits ein Magnetsturm der Klasse 1 stattgefunden, die Aktivität dürfte in den kommenden Stunden noch mehrfach Sturmstärke erreichen.

Am östlichen Sonnenhorizont dreht sich derzeit eine sehr aktive Fleckengruppe über den Sonnenrand, die gestern Abend bereits für Röntgenflares der Klasse M gesorgt hat. In den kommenden zwei Wochen könnte es dadurch zu weiteren Ausbrüchen kommen, die durchaus auch heftig ausfallen können. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist aber niedrig, der bisherige Sonnenfleckenzyklus zeigt auf seinem Höhepunkt eine so geringe Aktivität wie sie seit rund 100 Jahren nicht verzeichnet wurde. Der stärkste geomagnetische Sturm seit Jahren ist im langjährigen Vergleich also nur eine steife Brise. (uma)

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