Menü

Geschäftsanwendungen für den neuen Personalausweis noch wenig gefragt

vorlesen Drucken Kommentare lesen 96 Beiträge

Die Nachfrage nach Berechtigungszertifikaten für den Zugriff auf die nicht-hoheitlichen Datenfelder des elektronischen Personalausweises ist nach Angaben des Leiters der zuständigen Vergabestelle beim Bundesverwaltungsamt (BVA), Klaus Wolter, noch überschaubar. "Das Antragsverhalten ist derzeit zögerlich", sagte der Vertreter des Dienstleistungsbetriebs für das Bundesinnenministerium auf einer Veranstaltung (PDF-Datei) der TÜV Informationstechnik GmbH (TÜViT). Er erwarte aber eine Zunahme der Bewerbungen, wenn die abschließende Preisgestaltung erfolgt sei. Das BVA versuche zudem, mit der baldigen Veröffentlichung von "Durchführungsanweisungen" den Prozess der Vergabe der Zertifikate transparenter zu gestalten.

Der neue Ausweis im Scheckkartenformat führt neben der biometriegestützten Identitätsfunktion, die ausschließlich den zur Identitätsfeststellung berechtigten Behörden vorbehalten ist, als unabhängige weitere Anwendung die eID-Funktion zur sicheren Online-Authentisierung am PC ein: Die Daten, die heute visuell vom Dokument ablesbar sind, werden künftig im Ausweis-Chip gespeichert, sodass sich der Inhaber auch im elektronischen Rechts- und Geschäftsverkehr über das Internet ausweisen kann. Zusätzlich wird als dritte Neuerung den Bürgern optional auch die qualifizierte elektronische Signatur (QES) mit dem kontaktlos auslesbaren Chip auf der Ausweiskarte zur Verfügung stehen.

Das Bundesverwaltungsamt ist die zuständige Behörde, die Anträge für die Zertifikate seit Mai entgegennimmt. Diese sind nötig, um Informationen wie Titel, Name, Vorname, Anschrift oder Alter des Inhabers eines neuen Personalausweises auszulesen. Anbieter, die den elektronischen Identifizierungsdienst (eID) der Chipkarte nutzen wollen, müssen sich damit quasi selbst erst vor dem Bürger ausweisen. Eine Abfrage der Nutzerdaten hat dabei laut den gesetzlichen Vorgaben dem Kriterium der "Erforderlichkeit" zu entsprechen. Um diesem Genüge zu tun, reiche es nicht aus, "dass man eine Geburtstags-E-Mail an seine Kunden senden will", erläuterte Jens Fromm vom Kompetenzzentrum für den elektronischen Personalausweis beim Fraunhofer-Institut FOKUS. An einer Inanspruchnahme der Ausweisdaten interessierte Firmen müssten sich zunächst über ihre eigenen Geschäftsprozesse klar werden und wissen, wann und wo sie eine sichere Identifizierung tatsächlich bräuchten. Die technische Einbindung nebst Einrichtung eines eID-Servers gestalte sich dann vergleichsweise einfach.

Man sei zwar kein entsprechender "Organisationsberater", helfe Unternehmen aber mit auf die Sprünge, betonte Wolter. So könnten die Entwickler geschäftsbezogener Anwendungen für das neue Ausweisdokument "sauber durch den verwaltungsrechtlichen Teil kommen". Generell könne das BVA Berechtigungen für maximal drei Jahre ausstellen. Die Laufzeit der dahinterstehenden konkreten Zertifikate sei aber deutlich kürzer. Sie müssten etwa bei Online-Applikationen nach zwei Tagen erneuert werden.

Zum Start des elektronischen Personalausweises am 1. November sollen nach dem Willen der Bundesregierung bereits einige praktische Angebote das neue System zum ID-Management im Internet attraktiv machen. In einem ersten Test hätten 30 Firmen und andere Einrichtungen seit Oktober 2009 Verfahren etwa zur Online-Immatrikulation entwickelt, hatte es im Juni geheißen. Der weitere Prozess scheint aber ins Stocken geraten zu sein. "Wir sind noch nicht wirklich angekommen bei eID-Services", beklagte auf der TÜViT-Konferenz Dirk Arendt von der Firma OpenLimit, die zusammen mit Siemens und der Bundesdruckerei den "Bürgerclient" alias "Ausweis-App" entwickelt. Die Software benötigt der Perso-Inhaber neben einem Kartenleser, um sich elektronisch identifizieren zu können. Um einem Henne-Ei-Problem vorzubauen, sprach sich Arendt dafür aus, Zugangsmöglichkeiten etwa zu Verwaltungsdiensten über den neuen Personalausweis "von Anfang an in Gesetzen zu verankern".

Zu den Teilnehmern des geschlossenen Anwendungstest gehört unter anderem der Online-Versicherer HUK 24. Dessen Vorstandsmitglied Detlef Frank betonte, dass es bei der Integration der App in die geplanten Anwendungen keine Schwierigkeiten gegeben habe. Im Zusammenspiel mit den neuesten Betriebssystemen von Microsoft und Apple bestünden aber noch "gewisse Probleme". Generell wolle das Unternehmen die Kommunikation mit den Kunden "tatsächlich sicherer" machen. Zum Tragen kommen solle die eID-Funktion etwa, wenn jemand einen Antrag stelle. Die Deutsche Rentenversicherung will mit den neuen Möglichkeiten laut ihrem Abgesandten Michael Hauke ihre bereits bestehenden, zunächst auf qualifizierten elektronischen Signaturen aufsetzenden Online-Anwendungen "jetzt breiter unters Volk bringen". Im Vordergrund stünden dabei zunächst "Auskunftsdienste", da für eine Antragstellung am Ende doch noch eine digitale Signatur oder ein ausgedrucktes Unterschriftsblatt nötig sei.

Die ebenfalls am FOKUS angesiedelte Arbeitsgemeinschaft eKfz bastelt unterdessen an der Verwirklichung ihres Wunschziels, die Zulassung eines Autos "bei einer Tasse Kaffee" bewerkstelligen zu können. Statt einen externen Dienstleister zu beauftragen oder selbst beim Amt anzustehen, sollten Käufer künftig ihren Ausweis im Autohaus aufs Lesegerät legen können, ihre PIN eingeben und die Daten an die Registrierungsstelle übermitteln, führte Martin Löhe von dem Fraunhofer-Institut aus. Eine Unterschrift sei dabei nicht zu leisten. Falls Händler aber nur wenige Zulassungen pro Jahr zu bewerkstelligen hätten, dürften sie sich dreimal überlegen, ob sich die für ein Online-Verfahren erforderlichen Zertifizierungen rechneten. Insgesamt sieht TÜViT-Geschäftsführer Antonius Sommer den neuen Ausweis "zeitlich und technisch gut im Fahrplan". Alle Seiten hätten gelernt, "die Anwendungen direkt mit in den Fokus zu nehmen". (jk)