Geteert und gefedert: Symbolische Bestrafung österreichischer Big Brother

Der gestrige österreichische Nationalfeiertag war zum sechsten Mal auch Termin für die Verleihung der Big Brother Awards des Landes.

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Der gestrige österreichische Nationalfeiertag war zum sechsten Mal auch Termin für die Verleihung der Big Brother Awards des Landes. Mit den bereits auf vier Kontinenten jährlich verliehenen negativen Auszeichnungen sollen unerwünschte Trends in Sachen Daten-Integrität, also Angriffe auf die Privatsphäre von Menschen, aufgezeigt werden. Die Veranstalter in Österreich sind der Verein zur Förderung Freier Software (FFS), der Verein für Internet-Benutzer Österreichs (vibe!at) und die quintessenz.

Im Wiener Szenelokal Flex gab es in sechs Kategorien fünf Preisträger. Die sechste Kategorie, bislang Lifetime Achievement genannt, konnte zum zweiten Mal in Folge nicht vergeben werden, da die Bildungsministerin Elisabeth Gehrer offenbar ein Abonnement dafür hat. 2002 hatten ihr Pläne für umfassenden Chipkarten- und Biometrieeinsatz im Schulalltag, wie etwa für Bibliotheks-, Labor- und Sportstättennutzung, zusammen mit dem Bildungsdokumentationsgesetz, das zur Speicherung diverser Schüler- und Absolventendaten ohne Löschdatum führt, den "Preis" für ihr Lebenswerk eingebracht. 2003 hätte die bekennende Flötenspielerin Gehrer erneut gewonnen, weil in diesem Jahr mit der Umsetzung der "Bildungsevidenz", welche Zensuren und Betragensbeurteilungen von Schülern für sechzig Jahre speichert, begonnen wurde. Aufgrund der "nachhaltigsten Annäherung an die Romanvorlage 1984" wurde der fußmarod gewordene Wanderpokal diesmal in "Lebenslanges-Ärgernis-Elisabeth-Gehrer-Preis" umbenannt. Symbolisch wurde eine Querflöte von einem Hexenmeister und zwei Hexen geteert und gefedert.

Zuvor waren bereits ein Steckdosenverteiler, eine Überwachungskamera, ein Stethoskop, eine Saugglocke und ein 3Mobile, wie der österreichische UMTS-Netzbetreiber 3 seine Handy bezeichnet, der mittelalterlichen Bestrafungs- und Anprangerungsmethode unterzogen worden. 3 wurde wegen des neuen 3FriendFinder-Dienstes kritisiert und obsiegte in der Kategorie "Kommunikation und Marketing". Mit dem 3FriendFinder ist es möglich, einen anderen 3-Kunden auf Knopfdruck metergenau zu lokalisieren, da in den meisten 3Mobiles A-GPS-Module eingebaut sind. "Damit eröffnen sich der Überwachungswut derart veranlagter Erziehungsberechtigter ganz neue Möglichkeiten der Freizeitkontrolle", heißt es in der Begründung, vor allem aber würde der Dienst zur Überwachung von Ehepartnern eingesetzt: "Der Privatdetektiv aktiviert die Friendfinder-Funktion, stellt den Klingelton auf lautlos und ab in den Kofferraum des anderen Ehepartners damit."

Das Stethoskop versinnbildlichte die in der Sektion "Behörden und Verwaltung" siegreichen Wiener Amtsärzte. Sie hatten entgegen ihrer ärztlichen Schweigepflicht Krankenakten von Patienten an andere Behörden weitergereicht. Beispielsweise wurden die Daten eines unter "mildem Bluthochdruck" leidenden Mannes, der nach einer Operation um Steuererleichterungen angesucht hatte, wegen "Gefährdung des Straßenverkehrs" an die Verkehrsbehörde weitergeleitet, die daraufhin seinen Führerschein einzog und nur eine befristete Fahrerlaubnis ausstelle. Im Bereich "Politik" wurde die Saugglocke von den Hexen als Zeichen für die Innen- und Justizminister von Schweden, Frankreich, Irland und Großbritannien behandelt. "[Die Minister] fordern in ihrem Richtlinien-Vorschlag zu 'Data Retention', alle Kommunikationsdaten (Telefon, E-Mail, Internet, P2P, ICQ, etc.) präventiv drei Jahre oder sogar länger zu speichern. Dies steht in krassem Widerspruch zur EU-Richtlinie und zu nationalen Datenschutzgesetzen. Diese werden de facto aufgehoben, sollte diese Richtlinie in Kraft treten", führt die Jury dazu aus. Die Überwachungskamera schließlich stand für die Grazer Diskothek WON (World of Nightlife), die demnach ohne Information ihrer Kunden das Geschehen mit einem knappen Dutzend Kameras ins Internet überträgt und auf ein Fingerabdruck-Scanner zur Besucherkontrolle setzt. Wegen langer Warteschlangen wurde das zweitgenannte System vorübergehend stillgelegt. "Die Veranstalter sind dennoch überzeugt, dass es in einem zweiten Anlauf funktionieren kann, wenn genügend Zeit ist, das Publikum zu 'erziehen', den richtigen Finger richtig aufzulegen", erzählen die Preisrichter.

In der Kategorie "People's Choice" entfielen in der "Volkswahl" die meisten Stimmen auf die Linz Strom GmbH in ihrer Eigenschaft als Anbieter von Internetzugängen über ungeschirmte Stromkabel (Powerline). "Nichts unterlassen hat die Linz Strom, um ein ihr nicht genehmes Thema aus den Medien zu bringen, nämlich, dass die in Linz eingesetzte Powerline-Technologie Funkstörungen verursachen kann. Funktechniker wurden wegen 'Kreditschädigung' verklagt, weil sie ihre Messergebnisse veröffentlicht hatten. Ein entsprechend hoher Streitwert der Klage sollte der Einschüchterung dienen", hatte ein Bürger die Nominierung begründet. Auch Medienberichte versucht das Unternehmen zu verhindern, das sich unter anderem ein Mitglied des Stiftungsrates des Österreichischen Rundfunks (ORF) als Anwalt leistet. (Daniel AJ Sokolov) / (tol)