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Getestet: Nintendos Spielkonsole Wii U

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Mit der Wii U kehrt Nintendo dem Konzept der Bewegungsspiele den Rücken. Der (für 44 Euro separat erhältliche) Pro Controller hilft bei Mehrspieler-Duellen.

Vor sechs Jahren überraschte Nintendo die Industrie mit ihren neuen Fuchtelsteuerungen, die in der Anfangszeit des öfteren als Geschosse im gerade neu erworbenen Flachbildfernseher landeten. Doch inzwischen ist der Zappel-Hype selbst um die Nachfolger Kinect & Co. wieder abgeflaut. Nintendo schlägt mit der neuen Wii-U-Konsole, die am Freitag in den Handel kommt, deshalb einen neuen Weg ein. Die Japaner koppeln die Konsole mit einem Tablet-Controller, der neue Spielvarianten ermöglichen soll. Aufstehen muss man dazu nicht mehr, sondern kann bequem im Sofa sitzen bleiben.

Seine Stärken spielt das Tablet aus, wenn man zu mehreren spielen will. Während sich bisher bei einem Rennen zwei Spieler den Fernsehbildschirm teilen mussten, kann in "Sonic All Stars Racing" nun der zweite Fahrer einfach auf das Tablet schauen. Möglich werden aber auch sogenannte "asynchrone" Konzepte, bei denen der Tablet-Spieler andere Aufgaben bekommt als seine Mitspieler, die mit alten Wii-Fernbedienungen (die weiterhin an der Wii U funktionieren) vor dem Fernseher sitzen. Dies soll vor allem die Mini-Spiel-Sammlung "Nintendo Land" demonstrieren, darunter drei Fangspiele, bei denen der Tablet-Spieler die übrigen durch Labyrinthe jagt. Ein paar Runden macht das Spaß, insgesamt fehlt es den Mini-Spielchen aber an Substanz. Sie erinnern eher an billige Apps als an einen Hochpreistitel.

Wii U im Kurztest Das Gamepad der Wii U ermöglicht mit seinem Touchscreen neue Spielmöglichkeiten, die von den zum Launch verfügbaren Spielen unterschiedlich genutzt werden.

Als Flaggschiff zum Verkaufsstart muss denn auch Super Mario ran. Eigentlich ist der Titel "New Super Mario Bros. U" paradox, weil "Neu" sind Grafik und Spielkonzept keinesfalls. Der Titel sieht auf den ersten Blick aus, wie eine HD-Version der altbekannten Hüpfspiele. Das Neue offenbart sich erst, wenn man zu mehreren spielt. Dann kann der Tablet Spieler seinen Kumpanen zusätzliche Treppchen in die Level malen, damit sie neue Areale erreichen oder den zahlreichen Gegnern entkommen. Man kann die Mitspieler mit den Klötzchen aber auch herrlich irritieren, was zu lautstarken Diskussionen führt.

Auffällig ist, wie viele Titel für Erwachsene die Hersteller für die neue Nintendo-Konsole auf den Markt bringen. Ubisofts "Zombi U" ist nicht nur "ab 18", sondern auch noch äußerst schwierig, sodass sich Gelegenheitsspieler besser nicht ins düstere London verirren. Das Survival-Horror-Adventure nutzt den zweiten Gamepad-Bildschirm zur Darstellung der Übersichtskarte oder um die Umgebung zu scannen. Die Zombies schlurfen relativ langsam. Weil man sich meist jedoch nur mit einem Cricket-Schläger verteidigen kann und mehrere Treffer benötigt, ist gutes Timing gefragt. Die ersten zwei, drei Stunden hält einen die düstere Atmosphäre bei Laune. Dann geht den Untoten mangels Abwechslung langsam die Luft aus. Wenig überzeugen konnte uns der Mehrspielermodus, bei dem der Tablet-Spieler seinen Mitspielern in einer Art "Capture the Flag" Zombies auf den Hals hetzt. Weil er diese aber nicht selbst steuern kann, verfliegt der Reiz recht schnell.

Spiele für die neue Wii U (4 Bilder)

Nintendo Land

"Nintendo Land" demonstriert die neuen Tablet-Funktionen. Ein paar Runden ist das ganz unterhaltsam. (Bild: Nintendo)

Wer für seine Kinder neben Mario noch ein weiteres Spiel sucht, ist mit "Sonic All Stars Racing" gut bedient, dem einzigen zum Start erscheinenden Rennspiel für die Wii U. Die 25 Kurse sind ähnlich bunt wie bei Mario-Kart und verändern sich von Runde zu Runde, sodass man auch mit einem Boot oder Flieger umherdüst. Der Schwierigkeitsgrad ist nicht ohne und es braucht mehr Fahrgeschick als Glück, um aufs Treppchen zu kommen. Hier sind nicht nur die bereits erwähnten Zweispielermodi mit Tablet und Fernseher möglich, sondern man kann auch ohne Fernseher nur auf dem Tablet spielen, indem man von oben nach unten über dessen Touchscreen streicht.

Portierungen wie "Batman Arkham City" findet man auf der Wii U zuhauf. Die Versionen sind zum Teil zwar deutlich teurer als auf der PS3 oder Xbox 360, sehen aber nicht besser aus.

(Bild: Warner Interactive)

Das Spielen ohne Fernseher unterstützen auch nahezu alle Portierungen, die zahlreich von der PS3 und Xbox 360 für die Wii U umgesetzt wurden. Spiele wie "Batman Arkham City" nutzten das Tablet, indem sie dort eine Karte oder das Inventar anzeigen. Namcos "Tekken Tag Tournament 2" beschränkt sich auf Tastenkombinationen für Tritte und Schläge. Diese Zusatz-Gimmicks sind ganz nett, mehr aber auch nicht. Zuweilen bekommt man die Spiele für die PS3 oder Xbox 360 deutlich günstiger, der Aufpreis für die grafisch ansonsten identischen Wii-U-Versionen lohnt sich kaum.

Batman gilt zwar auf den anderen Plattformen als Vorzeigetitel für stereoskopische 3D-Spiele, die Wii- U-Version unterstützt diesen Darstellungsmodus jedoch nicht. "Assassins's Creed 3" von Ubisoft bietet immerhin eine Side-By-Side-Ausgabe an, bei der sich die horizontale oder vertikale Auflösung halbiert. Ein Paket-Frame-Modus wie auf der PS3 ist bei der Wii-U-Version nicht verfügbar.

Obwohl die Wii U Spielen 1 GByte RAM Hauptspeicher zur Verfügung stellt und der AMD-Grafikchip DirectX-10-Shader unterstützen soll, sehen die bisherigen Portierungen nicht besser aus als auf der mittlerweile sechs Jahre alten Konkurrenz von Sony und Microsoft. Von ihrer Rechenleistung spielen CPU (IBM PowerPC mit 3 Kernen) und der Grafikchip offenbar in derselben Liga. Immerhin arbeiten sie effizienter: Die Wii U nimmt weniger als halb so viel Strom auf wie eine PS3 oder Xbox 360. Über HDMI gibt sie Spiele in bis zu 1080p mit 6-Kanal-PCM-Surround-Sound aus.

Die Spiele werden auf Blu-ray-ähnlichen Discs mit 25 GByte Kapazität ausgeliefert. Sie rotieren etwa 2,5-mal so schnell wie in einer PS3 und erreichen eine Übertragungsgeschwindigkeit von 22,5 MByte/s. Das verkürzt Ladezeiten von Disc (eine Installation auf den Flash-Speicher ist nicht vorgesehen), sorgt aber auch für höhere Laufgeräusche. Die Wii U liegt genau zwischen einer PS3 und Xbox 360.

Multimedia-Funktionen sucht man vergeblich. Die Wii U kann weder Blu-ray- noch DVD-Filme oder Audio-CDs abspielen. Am Freitag will Nintendo ein großes Firmware-Update online stellen, das man sich bei der ersten Verbindung zum Internet herunterladen muss. In den USA wurden die Server dem Ansturm nicht gerecht, sodass einige Anwender Stunden auf das Update warten mussten. Abbrechen sollte man den Vorgang auf keinen Fall, weil danach womöglich die Wii U zur Reparatur muss. Besser, man betreibt die Konsole erstmal offline und lädt das Update dann über Nacht. Neben einem Web-Browser stehen dann die Angebote von YouTube und Amazons-Filmdienst LoveFilm zur Verfügung. Spieler werden über ihren Mii-Avatar in ein soziales Netzwerk eingebunden. Einen Vorabtest der Online-Funktionen hatte Nintendo uns für das zur Verfügung gestellte Muster allerdings untersagt.

Auf der Vorab-Firmware ähnelt das Hauptmenü dem der alten Wii. Ärgerlich lang dauern die Umschaltzeiten zwischen den einzelnen Apps. So dauerte es jeweils knapp 20 Sekunden, um vom Hauptmenü in die Systemsteuerung und wieder zurück zu wechseln. Alte Wii-Titel spielt die Wii U in einer separaten App ab. Die Grafik wird nicht hochskaliert, sondern über HDMI in 480p ausgegeben. Das Tablet lässt sich für Wii-Spiele nicht nutzen, man benötigt die alten Fernbedienungen. Download-Spiele lassen sich von einer alten Wii auf die Wii U übertragen.

Was den Reiz der Wii U ausmacht, ist also das Tablet. Es liegt auch über längere Zeit gut in der Hand und ist ansprechend verarbeitet. Der Touchscreen stellt auf seiner 6,2-Zoll-Diagonale 854 × 480 Pixel dar. Der Controller muss aber stets in Funkverbindung zur Konsole bleiben. Bei freier Sicht sind das bis zu acht Meter. Steht eine dünne Wand dazwischen, verkürzt sich die Reichweite auf dem 5,2-GHz-Band drastisch. Für ein angrenzendes Zimmer kann es genügen, quer durch die Wohnung allerdings nicht.

Erstaunlich ist die kurze Übertragungszeit. Laut Nintendo beträgt die Verzögerung nur einen Frame, da kann selbst die Fernsehausgabe nur mithalten, wenn man alle "Bildverbesserer" des TVs abschaltet. Im Vergleich haben ähnliche Kombinationen von Apple (iPad und Apple TV), Microsoft (Xbox 360 und SmartGlas) oder Sony (PS3 und PSP/Vita) eine deutlich höhere Latenz, die eine reaktionsschnelle Steuerung von Action-Spielen mehr oder minder unmöglich macht.

Nach unseren Messungen hält der (herausnehmbare) Akku des Wii U Tablets auf der voreingestellten Helligkeitsstufe 4 ziemlich genau drei Stunden durch. Danach kann man am relativ langen Ladekabel weiterspielen.

Mit einem Preis von 300 Euro ist das Basis-Paket der Wii U nicht ganz billig. Zwar bleiben von dessen 8 GByte Flash-Speicher zur Sicherung von Download-Spielen nur rund 3 GByte übrig, dieser lässt sich aber über eine SDHC-Card oder USB-Sticks erweitern. Das Premium-Pack bietet für 50 Euro mehr rund 25 GByte freien Flash-Speicherplatz, eine praktische Ladeschalte für das Tablet und besagtes "Nintendo Land". Gibt man gar 400 Euro aus, bekommt man noch ein zweites Gamepad (ohne Bildschirm) hinzu und statt der Minispiel-Sammlung Ubisofts "Zombi U". Letzteres ist zusammen mit Super Mario Bros. auch der interessanteste Launch-Titel. Beide sind gut gelungen, aber keine Must-Have-Titel, für die sich allein der Kauf lohnen würde.

Nichts desto trotz werden Nintendo-Fans den Händlern wohl die Regale leerkaufen. Die Wii war damals rund ein halbes Jahr lang ausverkauft. Ob die Wii U mit ihrem Fokus auf Vielspieler und Multiplayer-Partien ein ähnlicher Erfolg wird, bleibt abzuwarten. Dass ein Hersteller diese Zielgruppe weiterhin anvisiert und nicht auf den Zug der leidigen Free-To-Play- und Social-Games aufspringt, verdient großes Lob. Jetzt darf er nur nicht mit dem Nachschub frischer neuer Ideen nachlassen. (hag)