Gewaltforscher: Hass im Netz gegen Frauen ist sexistisch und drastisch

Hasskommentare im Web richten sich oft gegen Frauen – verstärkt gegen Frauen mit Migrationshintergrund, sagt Gewaltforscher Andreas Zick.

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(Bild: Sam Wordley/Shutterstock.com)

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Mal subtil, mal offen aggressiv und drohend: Beleidigungen und sexistische Hassreden gegen Frauen kommen im Netz auf Kommentarseiten, Facebook, Twitter, Youtube oder in Online-Spielen vor. Häufig handelt es sich dabei um abwertende und herabwürdigende Angriffe, die sich auf das Äußere und den Körper beziehen, wie der Bielefelder Gewaltforscher Andreas Zick schilderte. Auch Vergewaltigung oder andere brutale Gewalttaten würden in den sozialen Medien anonym angedroht – in der Regel indirekt. Denn: "Jene, die Hassbotschaften senden, wissen, dass die Androhung einer realen Tat stärker verfolgt wird."

Ziel seien oft Frauen "mit scheinbarer oder tatsächlicher Migrationsgeschichte", in wichtigen Positionen, auch Politikerinnen oder Journalistinnen. "Eine prominente Frau in höherer Statusposition zieht mehr Hass auf sich", sagte Zick der dpa. Dabei gehe es den Hassenden in vielen Fällen um Machtdemonstration und die Frage nach Dominanz. Frauen mit höherem Prestige erhielten auch eher kampagnenmäßige Hasspostings.

Die liberale Muslimin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor aus Westfalen oder Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) gehören in NRW zu den Betroffenen der perfiden Attacken. Aufgeschreckt hatten zudem drastische Beschimpfungen und sexistische Postings gegen Moderatorinnen – so auch gegen Dunja Hayali, die gebürtig aus dem Ruhrgebiet stammt.

Wer sind die Täter? "Das geht quer durch alle Schichten", betonte Zick. Mal werde ein einzelner Hasskommentar abgesetzt, mal eine ganze Serie – manchmal organisierten die Hassenden Kampagnen. "In vielen Hasspostings stecken negative Stereotype und Vorurteile, die tiefe Spuren und eine lange Geschichte haben", erläutert der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld.

Nach der jüngsten – Anfang 2019 veröffentlichten – Studie der Landesmedienanstalt NRW zu "Hate Speech" sind rund 85 Prozent aller 14- bis 24-Jährigen mit Hasskommentaren in sozialen Medien konfrontiert worden. Verteilt über alle Altergruppen waren es 47 Prozent, wie das Meinungsforschungsinstitut Forsa unter 1005 Befragten Ende 2018 ermittelt hatte. Experten fordern schon seit Längerem, Hass und Hetze im Netz müssten intensiver und erfolgreicher verfolgt werden.

Verbaler Hass könne psychische Schäden verursachen und dazu führen, dass attackierte Frauen ihren Bewegungs- und Freiheitsspielraum einschränkten, stellte Gewaltforscher Zick klar. "Hassbotschaften fühlen sich wie Bedrohungen an." Die Gefahr, dass aus brutalen Worten später reale körperliche Gewalt werde, sei groß, "sobald in einer Hassbotschaft Tat, Zeit, Ort und Ziel genauer benannt werden." Wenn Hassposts von vielen geteilt oder "gemocht" würden, sei ebenfalls davon auszugehen, dass es zu einem physischen Angriff kommen könne. (olb)