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Gezeitenkraft: Kanadische Turbine mit Mühe geborgen

4 Monate produzierte eine experimentelle Gezeitenkraftturbine in Kanada Strom. Dann dauerte es 3 Monate, sie zu bergen. Der bisherige Verlauf ist dennoch ein Erfolg. Kanada verstärkt nun die Forschung.

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Turbine auf Lastkahn

Die Turbine nutzt die Meeresströmung und kommt ohne Staudamm aus.

(Bild: Christopher Briand/Critical Exposure)

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Wichtige, aber auch ernüchternde Erfahrungen machen die Betreiber einer riesigen, experimentellen Gezeitenkraftturbine im kanadischen Minas-Becken. Im November hatte die Firma Cape Sharp Tidal ihre Turbine auf den Meeresboden gestellt. Bis März speiste sie auch Strom in das öffentliche Netz. Doch der ursprüngliche Plan, die Turbine fünf Jahre wartungsfrei arbeiten zu lassen, konnte nicht eingehalten werden. Das Gerät musste geborgen werden, was aber fast drei Monate gedauert hat.

Die Turbine auf ihrem Lastkahn mit Begleitschiffen kurz vor der Installation im November

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Erst Mitte Juni gelang es, die samt Fundament etwa Tausend Tonnen schwere Turbine zu heben. Hindernis war eine schlichte, verlorengegangene Festmacherleine. Die Turbine muss von einem eigens konstruierten Lastkatamaran aus erfasst und hochgezogen werden. Das ermöglichen zwei "Schnappverschlüsse", die am Fundament der Turbine angebracht sind. Die Leine hatte sich nun so verheddert, dass unsicher war, ob der Mechanismus einrasten würde. Eine Schieflage beim Hochziehen musste aber vermieden werden.

Das Minas-Becken ist ein Seitenarm der Bay of Fundy. Diese Bucht ist dafür berühmt, den höchsten Tidenhub der Welt [Unterschied zwischen Ebbe und Flut, Anmerkung] zu haben. Unvorstellbare Wassermengen fließen zweimal täglich in und aus der Bay of Fundy. Das Minas-Becken ist ein Nadelöhr, so dass die Strömungsgeschwindigkeit fünf Meter pro Sekunde erreicht. Die zur Mitte von Ebbe oder Flut durchfließende Wassermenge entspricht dem geschätzten Volumen aller Flüsse und Bäche der Erde.

Die Bay of Fundy liegt zwischen Neubraunschweig und Neuschottland (Nova Scotia).

(Bild: Decumanus CC-BY-SA 3.0)

Mit dem hohen Fließtempo einher gehen heftige Turbulenzen, die einzeln nicht vorhersagbar sind. Sie stellen enorme Anforderungen an das Material und machen es Wasserfahrzeugen sehr schwer, ihre Position zu halten.

Im Unterschied zu den meisten anderen Küstenregionen ist das Mittelwasser im Minas-Becken alles andere als ruhig. Auch in der Mitte einer Tide sind die Strömungen und damit die Turbulenzen noch vehement. Arbeiten im Turbinenumfeld können daher nur in sehr kurzen Zeitfenstern bei besonders gering ausgeprägten Tiden und günstigem Wetter in Angriff genommen werden. Dabei müssen mehrere Boote eingesetzt werden, da ein Boot alleine den Lastkatamaran nicht in Position halten könnte.

Mit einer Tauchdrohne konnte Cape Sharp Tidal zwar das Problem analysieren, die Leine aber nicht lösen. Schließlich rangen sich die Verantwortlichen dazu durch, Taucher einzusetzen. Im Gespräch mit heise online im November waren Tauchgänge von Menschen noch kategorisch ausgeschlossen worden. Das Risiko ist erheblich: Zur Tiefe bei Mittelwasser von zirka 50 Metern kommt, dass die Sicht unter Wasser extrem beschränkt ist.

Und die nächste Turbulenz kann einen Taucher mitreißen oder, vielleicht noch schlimmer, gegen die Turbine schleudern. Nicht auszuschließen sind zudem Kollisionen mit vom Wasser mitgerissenen Dingen wie beispielsweise Geröll. Größere Meerestiere sind hingegen eher kein Problem: Sie meiden Untersuchungen zu Folge die starken Strömungen und bevorzugen im Minas-Becken ufernahe Bereiche.

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