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Gnadenfrist für KPNQwest

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In der Misere um den IP-Carrier und Serviceanbieter KPNQwest deutet sich ein Aufschub der drohenden Insolvenz an: Nach erneuten Verhandlungen mit Banken könne der Betrieb des KPNQwest-Netzes für mindestens sechs bis acht Wochen aufrecht erhalten werden, erklärte der deutsche Firmensprecher Thilo Huys gegenüber heise online. In dieser Zeit solle KPNQwest versuchen, sein Netzwerk und die Rechenzentren in Teilen oder als Ganzes zu verkaufen. Damit sei aber die bereits angekündigte Insolvenz der KPNQwest Germany GmbH noch nicht vom Tisch.

Bereits am heutigen Mittag teilte die niederländische KPNQwest-Zentrale mit, dass ein Verkauf von "nicht-kritischen" Teilen des Konzerns an ein noch nicht genanntes Unternehmen voraussichtlich am morgigen Freitag unter Dach und Fach sein soll. Damit werde Geld in die leere Kasse gespült, um den Betrieb des Netzes vorerst garantieren zu können. Nach Gerüchten, die heise online zugespielt wurden, handelt es sich bei dem Käufer um den britischen Carrier Colt Telecom. Colt dürfte sich insbesondere für das erst im März von KPNQwest aquirierte Ebone-Netz der Global TeleSystems (GTS) interessieren, das vor allem Osteuropa abdeckt.

Kunden von KPNQwest, die nach den Meldungen der vergangenen Tage Angst hatten, plötzlich ohne Netzwerkanbindung dazustehen, können also offenbar aufatmen. Bei Betreibern von Rechenzentren, die ausschließlich über KPNQwest angebunden sind, herrscht derzeit hektische Betriebsamkeit. Scheinbar nutzen Mitbewerber des holländischen Carriers die Gunst der Stunde und unterbreiten KPNQwest-Abnehmern recht günstige Angebote zum Carrier-Wechsel.

"Interessanterweise müssen wir uns gar nicht auf dem Markt umsehen. Die meisten Anbieter treten von sich aus an uns heran", bestätigte etwa Joachim Beggerow, Vertriebsleiter beim Braunschweiger Systemhaus Gärtner Datensysteme. Der Provider beherbergt etwa die Internet-Präsenzen der Braunschweiger Zeitung und des Westermann-Verlags. Gärtner ist ein so genannter "Point of Presence" (PoP) von KPNQwest und als solcher ausschließlich über eine 34-MBit-Leitung des Carriers mit dem Internet verbunden. Wenn KPNQwest die Leitung plötzlich stilllegen würde, benötige man "wenige Tage" um eine alternative Anbindung zu realisieren. Wenn, wie derzeit geplant, bald eine Fallback-Leitung gelegt ist, müsse man nur noch den Hebel umlegen. Der Betrieb ginge dann nahtlos weiter.

So wie der Braunschweiger PoP verlassen sich derzeit eine ganze Reihe von deutschen Rechenzentren aus Kostengründen ausschließlich auf ihre Anbindung zu KPNQwest und wären damit direkt betroffen, falls KPNQwest NV sein europäisches Glasfasernetz, den Euroring, stillegen müsste. Schlimmer noch träfe es jene Großkunden der deutschen KPNQwest, deren Internet-Präsenzen in einem Hosting-Center des Dienstleisters untergebracht sind.

Zum Beispiel Strato: Der Berliner Webhoster beherbergt die gesamte technische Infrastruktur im Karlsruher KPNQwest-Rechenzentrum, das ausschließlich über firmeneigene Leitungen angebunden ist. Strato verwaltet auf seinen Sun-Servern etwa ein Drittel aller de-Domains. Zwar erwägt die Strato-Konzernmutter Teles, dieses Rechenzentrum aufzukaufen, um den Betrieb sicherzustellen, doch das ist nicht einmal die halbe Miete. Der Webspace-Provider müsste sehr schnell dafür sorgen, dass seine Neuerwerbung auch mit der erforderlichen Bandbreite ans Internet angebunden wird.

Andere Kunden von KPNQwest, wie etwa Web.de oder Lycos, waren heute wegen des Feiertags nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Ein plötzlicher Netzwerkausfall dürfte auch sie recht hart treffen.

Entwarnung geben IP-Netzwerk-Experten dagegen für die Auswirkungen eines Ausfalls von KPNQwest auf die Funktionstüchtigkeit des deutschen Internet. "Reservekapazitäten gibt es derzeit mehr als genug", beschwichtigte etwa Arnold Nipper, Chef des größten deutschen Internet-Austauschpunkt DE-CIX gegenüber heise online. Es gehe lediglich darum, im Ernstfall möglichst schnell Alternativrouten für die großen Sites zu etablieren.

Einig ist sich die Branche darüber, dass sich KPNQwest mit der Finanzierung seines europäischen Glasfaser-Rings völlig übernommen hat. Der 25.000 Kilometer lange Euroring ist längst nicht ausgelastet. Deshalb ist der holländische Carrier derzeit nicht einmal mehr in der Lage, die Zinsen für jene 1,8 Milliarden Euro Schulden aufzubringen, die durch den Bau des Netzes aufgehäuft wurden. KPNQWest Germany versuchte, mit Content-Streaming-Angeboten, etwa für RTL oder Lycos, die teuren Glasfaser zum Leuchten zu bringen. Doch das genügte bei weitem nicht. Zurzeit herrscht am Markt eine Überkapazität, weil die Unternehmen der Old Economy viel weniger in ihre Internet-Auftritte investieren als noch im vergangenen Jahr prognostiziert wurde.

Wer also momentan den teuren KPNQwest-Backbone überhaupt als Ergänzung für seine eigene Infrastruktur benötigt, ist völlig unklar. Medienberichten zufolge sind die Carrier AT&T, Cable & Wireless und die spanische Telefonica an einer Übernahme des Netzes interessiert. Angeblich soll AT&T bereits ein Angebot über 200 Millionen US-Dollar auf den Tisch gelegt haben.

Eine weitere Option besteht aus dem Verkauf des Rings in einzelnen Segmenten. Für den deutschen Ring 3 könnte die Telekom als Käufer in Frage kommen. Der Bonner Konzern hat aber bisher kein Interesse geäußert und wird sich wohl hüten, seinen frustrierten Aktionären eine Aquise dieser Größenordnung aufzubürden. (hob)

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