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God of War angespielt: Einfach göttlich

God of War ist ein bombastisches, packendes Actionspektakel für Solisten. Da stört es kaum, dass dieses Abenteuer nur noch wenig mit den Vorgängern zu tun hat.

God of War angespielt: Einfach göttlich

(Bild: heise online)

Kratos ist zurück. Oder doch nicht? God of War von den Santa Monica Studios macht vieles anders als die Vorgänger. Es ist einige Zeit vergangen, seit sich der Halbgott auf einen blutigen Rachefeldzug gegen die Götter des Olymp begeben hat. Nach seinem Triumph hat er sich in den Norden zurückgezogen und lebt dort mit seiner Familie in Ruhe und Frieden. Als seine Frau aber stirbt, macht er sich mit seinem Sohn Atreus auf den Weg zu einem Berggipfel, um deren Asche zu verstreuen. Unerfreuliche Wendungen machen diese Reise aber zu einem Kampf auf Leben und Tod.

Wer noch einen brutal mordenden Kratos im Kopf hat, der sich mit seinen Chaosklingen durch die Gegner wirbelte, wird überrascht. Der neue Kratos ist alt und sogar etwas weise geworden. Er ist zwar immer noch bärenstark und stemmt Baumstämme wie Strohhalme, aber alles ist ein wenig langsamer geworden. Was vorher so leicht und locker wirkte, sieht nun mühsam aus. Ein wenig ist ihm die Last auf seinen Schultern anzumerken. Kratos muss sich schließlich nicht nur um sich selbst kümmern, sondern auch um seinen jungen, etwas gebrechlich wirkenden Sohn Atreus.

Diese Veränderung spiegelt sich im Spiel wider, denn die brachiale Actionorgie ist einem ruhigeren Mix aus Dark Souls, Horizon: Zero Dawn und Tomb Raider gewichen. Es dauert ein paar Stunden, bevor das Duo auf die typischen Riesenkolosse der Reihe trifft. Das soll aber nicht heißen, dass es bis dahin ein Spaziergang ist. Statt sich einfach in die Gegner zu stürzen, muss sich der Halbgott aber Gedanken zur besten Herangehensweise machen. Einfach drauflosschlagen geht nicht mehr. Selbst kleine Gegner, die in den Vorgängern im Vorbeigehen niedergemetzelt wurden, können jetzt schnell das Ende bedeuten. Weniger ist mehr.

Trotzdem geht es auch im neuen God of War wieder ordentlich zur Sache. Statt mit seinen Chaosklingen kämpft Kratos mit einer Axt, die er auch als Fernwaffe einsetzen kann. Wie üblich kann er die Waffe verstärken oder neue Kombos lernen. Aus dem anfänglichen Buttonsmashing werden dann zwar keine Duelle nach den Regeln des Talhoffer Gefechtsbuchs, aber es offenbart sich ein angenehm komplexes Kampfsystem, das überraschend viele Freiheiten bietet. Eine Sonderrolle übernimmt Atreus, der seinem Vater im Kampf zur Seite steht und über einfache Befehle gesteuert wird. Atreus kann mit seinem Bogen Feinde ablenken oder auf ihren Rücken springen, um sie aufzuhalten. Später kann er seinen Vater sogar wiederbeleben.

Neben den Kämpfen liegt der Fokus auf der großen Spielwelt. Kratos‘ neues Abenteuer ist kein reines Hack‘n‘Slay mehr, sondern eine Entdeckungsreise. Er und sein Sohn durchforsten Wälder, wandern durch düstere Ruinen, rudern über riesige Seen und erkunden fremde Welten. Überall gibt es Truhen zu entdecken, deren Schlösser Kratos mit einer Art Schalterrätsel löst. Es gibt Abkürzungen wie in Dark Souls und sogar Nebenquests, in denen die beiden Abenteurer Geister erlösen und Drachen befreien.

Der Actionmix wird durch einen Hauch Rollenspiel ergänzt. Mit den Erfahrungspunkten verbessert das Duo seine Fähigkeiten, bei Händlern kaufen sie neue Waffen und Rüstungen, setzen Runensteine ein oder verzaubern ihre Ausrüstung. Die RPG-Elemente sind im Vergleich zu den Vorgängern deutlich vielseitiger geworden, God of War erfindet das Genre aber nicht neu – Horizon: Zero Dawn und Tomb Raider haben es ähnlich gemacht.

Wie diese beiden Vorbilder protzt God of War mit einer großen und detailreichen Spielwelt. In den Kämpfen engt die Schulterperspektive die Sicht etwas ein. Da hilft es wenig, wenn kleine Pfeile die Angriffsrichtung der Feinde anzeigen. Die verschiedenen Spielabschnitte der nordischen Götterwelt sind abwechslungsreich gestaltet, zu Beginn vermisst man die griechische Mythologie der Vorgänger trotzdem ein bisschen.

God of War könnte auch ein Spiel für diejenigen sein, die mit den Vorgängern wenig anfangen konnten. Die Entwickler haben sich für ein frisches Spielkonzept entschieden und das God-of-War-Label draufgeklebt. Kritisch betrachtet verliert die Reihe dadurch einen großes Stück ihrer Identität. Aber das ist gut so: Den Santa Monica Studios gelingt das Kunststück, neue Spieler anzusprechen, aber alte nicht vergraulen.

Die Action ist im neuen God of War vielleicht etwas bodenständer geworden, aber dafür anspruchsvoller. Vorbei sind die Zeiten, als eine Actionszene auf die nächste folgte und den Spielern die Erfahrungspunkte nur so um die Ohren flogen. Nicht nur Kratos ist eben ruhiger und reifer geworden, sondern auch das Spielprinzip. God of War zeigt eindrucksvoll, wie heute ein episches Actionspiel sein soll, ganz ohne Lootboxen und Multiplayer-Schnickschnack. Einfach göttlich.

God of War (ab 42,98 €) erscheint am 20. April für die PS4 und kostet ca. 60 Euro. USK-Freigabe ab 18. Für unser Angespielt haben wir ein paar Stunden auf der PS4 gespielt.

(Andreas Müller) / (dahe)
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