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Google-Denkfabrik entwirft Szenarien zur Zukunft der Privatsphäre

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Die von Google unterstützte Denkfabrik "Collaboratory" hat am Dienstag ihren Bericht (PDF-Datei) zum Spannungsfeld zwischen "digitaler Privatheit und Öffentlichkeit" veröffentlicht. Er enthält keine Handlungsempfehlungen – im Gegensatz zum Schlussbericht der vorangegangenen Copyright-Gruppe. Dargelegt werden drei Szenarien zur Zukunft des Datenschutzes im Jahr 2035 und 16 Denkanstöße. Dazu kommen Experteninterviews.

Abbildung aus dem Bericht

Das Spektrum der knapp 30 an dem Bericht beteiligten Fachleute reichte von Theoretikern der "Ära nach dem Datenschutz und der Privatheit" ("Post Privacy") bis zu einem Vertreter einer Datenschutzbehörde. Sie seien sich dennoch darüber einig geworden, dass das Internet die Vorstellungen über Privatsphäre massiv verändere, erklärte Collaboratory-Leiter Max Senges zur Vorstellung des Berichts in Berlin. Er betonte, es sollten keine abschreckende Zukunftsausblicke geben werden. Auch in einer "Post-Privacy"-Vision könne alles "in geordneten Bahnen ablaufen". Wichtig sei es, die Stellschrauben im Blick zu haben, die zu ganz unterschiedlichen Gesellschaftsformen führen könnten und an denen jetzt gedreht werden müsse.

In dem Szenario "Freie Daten für freie Bürger" hat die Privatsphäre jegliche Bedeutung verloren. Alle Informationen über jedermann stehen allen jederzeit zur Verfügung. Hier habe sich die Überzeugung durchgesetzt, dass persönliche Informationen zu veröffentlichen kaum negative Folgen habe. Die vorherrschenden Prinzipien seien dementsprechend "Integrität, Transparenz und Toleranz": Früher brisante Informationen wie politische Überzeugung, Krankheitsgeschichte, sexuelle Orientierung oder Religion würden von anderen Bürgern und Firmen frei genutzt, häufig zum Vorteil der jeweiligen Merkmalsträger.

In der "vertrauenden Gesellschaft" – dem zweiten Szenario – wird geschildert, was passieren könnte, wenn heutige Datenschutzprinzipien umgesetzt werden. Anonymisierungs- und Verschlüsselungstechniken sorgen dafür, dass die Menschen ihre Informationen höchst selbstbestimmt freigeben können. Noch stärker auf die Technik als fürsorgliche Schutzmacht wird in dem dritten Ausblick gesetzt, in dem alle personenbezogenen Informationen in einer großen Datenbank gespeichert sind und die Nutzer einstellen können, wer welche Zugriffsrechte hat. Hier haben die Menschen "Nichts zu befürchten".

Das dritte Szenario wird noch einmal in der Ideensammlung am Schluss aufgenommen unter dem Stichwort "Privacy by Design". Dafür seien letztlich geschlossene Systeme in Form von "Datensilos" erforderlich. Diese könnten problematisch sein, weil bei Plattformbetreibern Macht konzentriert werden könne. "Verständliche Datenschutzerklärungen" könnten etwa mit "Privicons" erreicht werden, also mit Smiley-ähnlichen Bildsymbolen, die in einer E-Mail verdeutlichen, ob diese privat gehalten werden solle oder weitergegeben werden könne. Diskutiert wird auch eine schärfere Haftung von Sammlern von Nutzerdaten, die auf Buß- oder Schmerzensgelder hinauslaufen könne.

Die Ergebnisse des Berichts sollen Senges zufolge voraussichtlich ab Anfang Dezember in einer offen gehaltenen Arbeitsgruppe weiter diskutiert werden. Die nächste Expertenrunde werde sich mit dem Thema "Menschenrechte und Internet" beschäftigen. Insgesamt werde angestrebt, Collaboratory als "ständige Plattform" aufrechtzuerhalten. Als neue Partner seien bereits etwa die Fraunhofer-Gesellschaft, Wikimedia und Mozilla an Bord. Darüber hinaus werde derzeit ein Labor mit ähnlicher Mission in Paris aufgebaut. (anw)

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