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Google + Motorola: Neuordnung auf dem Mobilfunkmarkt

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"Wir werden sicherstellen, dass sie nicht verlieren". Selbstbewusst hatte Eric Schmidt, Chairman und ehemaliger CEO von Google, erst Mitte Juli den Android-Partner HTC in seinem Patentstreit mit Apple unterstützt. Wie Google das anstellen wollte, hatte Schmidt nicht verraten. Aber wohl schon gewusst: Google übernimmt Motorola. In den Patentkriegen um Smartphone-Techniken besitzt der Suchmaschinenriese damit auf einen Schlag eines der größten Abschreckungsarsenale der Branche.

Google hatte ein Problem: Im Wettstreit der Betriebssysteme für Smartphones und Tablets kann der Suchmaschinenkonzern mit Android zwar mittlerweile das führende System vorweisen. Doch spielen im Smartphone-Geschäft Patente eine immer wichtigere Rolle: Rechte an essentiellen Mobilfunktechnologien sichern nicht nur die eigenen Produkte und Innovationen ab, sie sind auch das Pfund, mit dem sich in Lizenzverhandlungen mit anderen Rechteinhabern wuchern lässt. Und sie wirken als Abschreckungsarsenal gegen Patentverletzungsklagen, die langwierige und kostspielige Prozesse nach sich ziehen können.

Jeder Handyhersteller nutzt Techniken, die von Dritten erfunden und geschützt wurden, und zahlt dafür Lizenzgebühren. Die fließen in die Herstellungskosten der Produkte ein. Wer für die Rechte Dritter im Gegenzug ein eigenes relevantes Patentportfolio anzubieten hat, kommt dabei im Zweifelsfall billiger weg. Genau hier lag Googles Problem: Der mit Patenten hochgerüsteten Konkurrenz von Apple (mit iOS) und Microsoft (Windows Phone, das den Beweis seiner Konkurrenzfähigkeit noch führen muss), hatte Google nichts entgegenzusetzen. Das Ungleichgewicht der Patent-Portfolios drohte Androids Lizenkosten in die Höhe zu treiben und das System damit ins Hintertreffen zu geraten.

Eine naheliegende Lösung für das Dilemma: Die Übernahme eines Patentpakets oder eines Unternehmens mit eigenen Portfolio. Doch im Bieterkampf um die Patente des insolventen kanadischen Netzwerkausrüsters Nortel hatte Google noch bei 3 Milliarden US-Dollar die Segel gestrichen. Der Zuschlag ging an ein Konsortium um Apple und Microsoft – also genau jene Konkurrenten, die Google als größte Bedrohung für Android ausgemacht hat. Allerdings darf vermutet werden, dass zu diesem Zeitpunkt die Verhandlungen mit Motorola schon liefen. Googles eigenwillige Gebote – unter anderem 3,14159 Milliarden – erscheinen in der Rückschau umso mehr als ein spielerischer Insider-Witz.

"Motorola hat eine über 80-jährige Geschichte in der Kommunikationstechnik und der Entwicklung von geistigem Eigentum", schreibt Google-CEO Larry Page. Die Handysparte, erst kürzlich vom Rest des Konzerns abgespalten und in die Eigenständigkeit entlassen, hatte früh auf Android als Betriebssystem gesetzt. Und sie verfügt mit 17.000 Patenten über eines der größten Portfolios der Branche. Inwieweit sich das Rechtepaket in den Patentkriegen um Smartphones einsetzen lassen wird, muss sich allerdings noch zeigen. Der Testfall läuft bereits: Motorola liegt wegen verschiedener Patentansprüche im Clinch mit Apple und Microsoft.

Motorola soll als eigenständiges Unternehmen weitergeführt werden, und auch die Android-Partner müssen sich nicht auf Änderungen einstellen, versichert Page. Die wichtigen Partner Samsung, HTC, LG und Sony Ericsson waren vorab im Bilde und zeigen sich offiziell durchweg "begeistert", dass Google sein Betriebssystem bedingunglos verteidigen will. Diese Unterstützung des Suchmaschinenriesen – und seine Bereitschaft, bei der Übernahme einen deutlichen Aufschlag zu bezahlen – ließen die Aktie von Motorola Mobility am Montag durch die Decke gehen. Der Kurs nähert sich inzwischen dem Kaufpreis von 40 US-Dollar pro Aktie. Der Coup heizte zudem die Fantasien der Finanzmärkte an und trieb die Aktien von weiteren möglichen Übernahme-Kandidaten wie Nokia und RIM in die Höhe.

Jedoch dürften die Gerätehersteller die Übernahme auch mit gemischten Gefühlen betrachten. Denn mit der Hardware von Motorola kann Google das "Ökosystem" Android vervollständigen. Vorbild Apple hatte bei seinem historischen (und damals von Branchenriesen wie Nokia belächelten) Eintritt ins Mobilfunkgeschäft als erster verstanden, wie wichtig die Verbindung von Hardware, Software und Marktplatz ist – und mit dem iPhone und seinem Ökosystem die ganze Branche revolutioniert. Der entthronte Marktführer Nokia und Microsoft versuchen mit ihrer Allianz, Windows Phone als dritte Smartphone-Plattform zu etablieren.

Google könnte mit Motorola, das bei der Veröffentlichung von Honeycomb schon einmal als exklusiver Android-Partner eine Vorzugsbehandlung erfahren hat, die Geräteentwicklung stärker beeinflussen und damit eine der großen Schwächen von Android ausgleichen: die Fragmentierung. Android-Geräte gibt es in vielen verschiedenen Versionen und Geschmacksrichtungen, wohingegen man bei Apple und künftig auch Nokia immer weiß, was drin ist. Google könnte zudem in Versuchung geraten, Motorola zu bevorzugen und nicht alle Partner immer mitzunehmen.

Solche Überlegungen werden auch die Android-Hersteller anstellen. Sollen die nun nicht nervös werden und mit fliegenden Fahnen zu Microsoft überlaufen, muss Google noch Vertrauensarbeit leisten. Schon sendet Page an die Hardware-Partner und die Open Handset Alliance das Signal, Android bleibe offen für alle. Doch das stimmt nicht ganz: Die Tablet-Version Android 3.0 gibt es noch nicht als Open Source. Und auch im schnelllebigen Smartphone-Geschäft sind die Hersteller darauf angewiesen, neue Android-Versionen möglichst früh zu bekommen, also vor der Veröffentlichung als Open Source.

Das nächste Google-Phone wird nun wohl von Motorola kommen. Damit ist Google nun auch ein Handyhersteller, und nicht einer, den die Konkurrenz auf die leichte Schulter nehmen kann. Aber auch über Smartphones, Tablets, Android und Patente hinaus eröffnet die Motorola-Übernahme neue Perspektiven für Google. Motorola ist zum Beispiel eine feste Größe im Geschäft mit TV-Receivern und Heimkino-Geräten – angesichts Googles bisher glücklosem Ausflug ins Fernseh-Metier drängt sich dieser Bereich für eine künftige Zusammenarbeit geradezu auf. (vbr)