Google beschäftigt mehr Zeitarbeiter als eigene Mitarbeiter

Google ist für die gute Behandlung seiner Mitarbeiter bekannt. Doch nicht einmal die Hälfte der Belegschaft darf auch alle Leistungen in Anspruch nehmen.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 57 Beiträge

Googler und ihre Kollegen richten ihre Kritik an Googles Beschäftigungspolitik inzwischen regelmäßig direkt an CEO Sundar Pichai.

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Von
heise jobs – der IT-Stellenmarkt

Zu Arbeitsplätzen und Stellenangeboten in der IT-Branche siehe auch den Stellenmarkt auf heise online:

Mitarbeiter Googles nennen sich Googler. In der Belegschaft Googles dürften Googler inzwischen aber in der Minderheit sein. Aus einem internen Dokument des Konzerns geht hervor, dass Google im März 121.000 Werkvertragsnehmer und Zeitarbeiter sowie 102.000 direkt beschäftigte Vollzeitmitarbeiter hatte.

Das berichtet die New York Times. Im Silicon Valley ist der Einsatz von Zeitarbeitern und Werkvertragsnehmern weit verbreitet. Sie stellen regelmäßig ein Viertel bis die Hälfte der Werktätigen einer Firma. Bei Google ist der Anteil über die Jahre stetig gewachsen und liegt laut den März-Zahlen bei über 54 Prozent.

Die Zeitung nennt eine Reihe von Nachteilen, die Zeitarbeiter und Werkvertragsnehmer bei Google erfahren: Sie haben keinen Zutritt zu einer Reihe von Firmenveranstaltungen, keinen Zugriff auf interne Stellenausschreibungen, und genossen bis vor kurzem keine bezahlte Elternzeit. Und als in der YouTube-Zentrale Schüsse fielen, erhielten nur echte Googler aktuelle Sicherheitsinformationen. Letzteres hat der Konzern inzwischen als Fehler eingestanden

Die Benachteiligung hat System: Würde Google die indirekt Angestellten annähernd gleich behandeln wie Googler, liefe das Unternehmen Gefahr, rechtlich als Arbeitgeber oder als mit den Zeitarbeitsfirmen gemeinsamer Arbeitgeber festgestellt zu werden. Und dann hätten die Zeitarbeiter Anspruch auf alle Leistungen, die Googler erhalten, während Google trotzdem noch die Zeitarbeitsfirmen bezahlen müsste.

Im April hat Google als Reaktion auf Proteste der Belegschaft dennoch strengere Regeln für die Zeitarbeitsfirmen angekündigt. Um mit Google ins Geschäft zu kommen, müssen sie den überlassenen Arbeitskräften mindestens 15 US-Dollar pro Stunde zahlen, wobei an manchen Standorten höhere Minima gelten. Hinzu kommen umfassende Krankenversicherung mit Anspruch auf mindestens acht Tage bezahlten Krankenstand pro Jahr und zwölf Wochen bezahlte Elternzeit.

Noch keine Besserung gibt es beim Zugang zu Gericht: Ursprünglich mussten alle Googler in ihrem Arbeitsvertrag eine Klausel akzeptieren, die es ihnen verunmöglichte, gegen ihren Arbeitgeber zu Gericht zu gehen. Bei Googlern gilt das inzwischen nicht mehr; Zeitarbeiter müssen sich aber weiterhin mit einem privaten Schiedsverfahren statt einem öffentlichen Gerichtsverfahren mit Instanzenzug abfinden.

Google beschränkt den Einsatz von Zeitarbeitern auf maximal zwei Jahre bei einem Projekt. Die NYT berichtet allerdings von einem Projekt zum Training von Spracherkennungsalgorithmen, wo Zeitarbeitern nach zwei Jahren eine sechsmonatige Pause verordnet wurde – danach hätten sie zurückkehren dürfen und seien wieder beim selben Projekt gelandet.

Hinzu kommen Vorwürfe über unbezahlte Überstunden, die manchen Zeitarbeitern mit dem Lockangebot einer dauerhaften Einstellung abverlangt wurden. Google untersucht diese Vorwürfe und verweist auf eine interne Anweisung, Zeitarbeitern und Werkvertragsnehmer keinesfalls eine zukünftige Anstellung zu versprechen. Zudem seien unbezahlte Überstunden ein Verstoß gegen Konzernregeln.

Zeitarbeiter sind offiziell bei anderen Firmen beschäftigt, deren Geschäftsmodell darin besteht, ihre "Mitarbeiter" an andere Unternehmen zu vermieten. Die eigentlich Arbeit Gebenden profitieren durch flexibleren Einsatz der Arbeitskräfte sowie die Möglichkeit, kurzfristig Spezialisten ins Haus holen zu können. Dazu kommen in aller Regel geringere Kosten, ohne das interne Gehaltsschema ändern zu müssen. "Firmen mögen (Zeitarbeiter und Werkvertragsnehmer), weil sie billig sind", fasst es die NYT in einem Kommentar zusammen.

Zudem können Zeitarbeiter und Werkvertragsnehmer nicht als Personalkosten, sondern als Sachaufwand verbucht werden. So können die benötigten Arbeitskräfte eingesetzt werden, während gleichzeitig der Öffentlichkeit ein "Einstellungsstopp" vorgegaukelt wird. Zeitarbeitsfirmen freuen sich darüber, während die Zeitarbeiter das Nachsehen haben. (ds)