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Googles Goldgräbermission im Londoner Gesundheitswesen

Die Google-Tochter DeepMind engagiert sich im britischen Gesundheitswesen. Dabei beschert die Kooperation mit dem Royal Free NHS Trust der Softwareschmiede den Zugriff auf ein riesiges Datenvolumen.

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Sämtliche Patientendaten aus den Krankenhäusern des Londoner NHS Trust werden zurzeit an die Google-Tochter DeepMind übermittelt.

(Bild: Oli Scarff/ AFP/Getty Images )

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Mit ihrem Programm AlphaGo schlug die Google-Tochter DeepMind in diesem Frühjahr den amtierenden Weltmeister im chinesischen Brettspiel Go. Nun hat sich die Londoner Firma ein neues Spielfeld für ihre künstliche Intelligenz gesucht, wie Technology Review in seiner neuen Ausgabe (im Handel erhältlich oder im heise shop zu bestellen) berichtet: das britische Gesundheitssystem. Seit Ende vorigen Jahres kooperiert DeepMind mit dem Royal Free NHS Trust, der in seinen drei Krankenhäusern im Großraum London rund 1,6 Millionen Patienten jährlich betreut.

Die Zusammenarbeit, deren Größenordnung erst in den vergangenen Monaten nach und nach bekannt wurde, ist nicht unumstritten. Im Zentrum steht die App Streams, die der NHS Trust und DeepMind gemeinsam entwickelt haben. Die Anwendung soll ermöglichen, akutes Nierenversagen bei Patienten rechtzeitig zu entdecken. Ob dies jedoch der eigentliche Grund für das Engagement von DeepMind ist, bezweifeln Experten. Dem amerikanischen Online-Nachrichtenportal TechCrunch zufolge war die App vor einigen Wochen überhaupt nicht in Gebrauch. Obendrein habe sie bisher erst eine Handvoll Testläufe absolviert. Zudem findet das Kerngeschäft der Softwareschmiede – maschinelles Lernen – für Streams gar keine Anwendung.

Beobachter vermuten daher, dass die App lediglich als Rechtfertigung dient, um Zugriff auf die riesigen Datenmengen der Londoner Krankenhäuser zu bekommen. Da keine separaten Register für Patienten mit Nierenproblemen existieren, erhält DeepMind für die Ausgestaltung der App dem Magazin New Scientist zufolge sämtliche Daten: neben den aktuellen Patientenakten zusätzlich alle Dokumente aus den vergangenen fünf Jahren sowie jene von der zentralen Sammelstelle aller britischen Krankenhausbehandlungen. Als Zugeständnis an den Datenschutz speichert DeepMind die Informationen immerhin separat und hat zugesichert, sie nach der Beendigung der Zusammenarbeit zu löschen.

Trotzdem ist es offensichtlich, dass die Ambitionen von DeepMind weit über die bisherige NHS-Kooperation hinausgehen. Beide Seiten halten sich zwar mit konkreten Informationen zu ihren Plänen zurück. Aber in den Vereinbarungen konstatieren beide "gemeinsame Interessen" und nennen "Echtzeitvoraussagen", "Bedarfsmanagement", "Kostenkontrolle", "Aufgabensteuerung" oder "Risikoprognosen". Es existiert also noch viel Potenzial für weitere Projekte.

Beispielsweise plant DeepMind laut dem New Scientist die Plattform "Patient Rescue", die Echtzeitanalysen zu klinischen Daten liefern und diagnostische Entscheidungen unterstützen soll. Heinrich Lautenbacher, der als Arzt und Spezialist für Medizininformatik am Universitätsklinikum Tübingen selbst die Entwicklung einer "Integrated Mobile Health Research Platform" für Forschungszwecke als Projektleiter betreut, hält diesen Vorstoß für "problematisch": "Solch ein Instrument, das in der täglichen Diagnostik eingesetzt wird, könnte gefährlich werden." Ähnliche Konzepte habe man in Deutschland in den 90er-Jahren bereits diskutiert und dann – auch aufgrund juristischer Probleme – ad acta gelegt: "Wer möchte schon die Verantwortung bei einer Fehldiagnose übernehmen?"

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe des Technology Review (im Handel erhältlich oder im heise shop zu bestellen). (inwu)