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Googles Webbrowser Chrome wühlt das Web auf

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Die zunehmende Vorherrschaft des Suchmaschinenprimus Google in diversen Bereichen des Web, auf dem Anzeigenmarkt und bei Online-Anwendungen löste schon diverse Debatten um den "Kraken Google" aus – und darüber, ob Google das Firmenmotto "Don't be evil" noch zu recht führt; manche Forscher vertraten gar schon die Ansicht, Google müsse zerschlagen werden. Der am gestrigen Dienstag zum Download freigegebene Webbrowser Chrome befeuert nun nicht nur einen neuen Streit, wer denn den besten Webbrowser liefert, sondern auch die Diskussionen um die Pläne und die Machtstellung von Google.

Chrome ist nicht nur ein Angriff auf Microsofts Vorherrschaft auf dem Browsermarkt – manche Beobachter sprechen gar von einem neuen "Browserkrieg" wie zum Beispiel Kara Swisher in ihrem Weblog oder die Mercury News aus San Jose. Oder sie titeln inspiriert wie die Financial Times Deutschland: "Google browst auf".

Darüber hinaus könnte Google es auch auf Microsofts Dominanz auf dem Markt für Betriebssysteme abgesehen haben, betonte zum Beispiel bereits Michael Arrington vom Techblog Techcrunch. Chrome sei nicht nur als Konkurrenz zum Internet Explorer bedeutend, sondern auch als Vehikel für Googles Anwendungen. Im FAZ-Blog wird Chrome denn auch zugespitzt als "trojanisches Browserpferd" dargestellt. Der Webbrowser integriere die anderen Google-Programme wie Mail, Docs und Spreadsheets sowie die Desktop-Suche, und die liefen mittels Google Gears auch offline – egal auf welcher Betriebssystem-Plattform. Da die Google-Programme kostenlos seien, könnte Chrome ihnen und damit auch dem Cloud Computing einen ordentlichen Schub geben.

Bevor es so weit kommen könnte, müsste Google zunächst einmal bedeutende Anteile am Webbrowsermarkt erobern, auf dem Microsoft nach verschiedenen Analysen mindestens 70 Prozent hält. Einen ersten Erfolg hat der Suchmaschinenprimus möglicherweise bereits erzielt, wie flinke Webanalytiker herausgefunden haben wollen. Nach Zahlen des US-amerikanischen Startups GetKlicky, das nach eigenen Angaben 45.000 Webseiten beobachtet, sollen es derzeit knapp 3 Prozent sein. Auch falls die Zahlen die Wirklichkeit abbilden sollten, wäre einzuwenden, dass viele Nutzer neugierig sind und möglicherweise zu ihrer bisherigen Software zurückkehren. Oder sie denken, Chrome sei wie von Google angepriesen stabiler, weniger speicherhungrig und schneller, und bleiben bei der neuen Software. Immerhin hat Chrome in der Webbrowser-Statistik von heise online für den gesamten bisherigen September einen Anteil von 1,1 Prozent erreicht. Mozilla & Co (Gecko-Engine) kommen hier unter den Browserhestellern bisher auf 63,2 Prozent, Microsoft auf 22,3, Opera auf 7,5, Apple auf 3,7 und KDE auf 1,2 Prozent.

Citigroup-Analyst Mark Mahaney sieht jedenfalls eine Nachfrage nach einem Browser, der schneller, einfacher und stabiler als der Internet Explorer ist. (Ob Chrome sicherer ist, steht nach den ersten entdeckten Schwachstellen noch zur Debatte.) Dabei verweist Mahaney auf die 20 Prozent, die mit dem Firefox im Netz umhergehen. Da der Mozilla-Webbrowser anders als der IE nicht auf Windows-Systemen vorinstalliert ist, ein bemerkenswertes Phänomen. Auch Google hat mit Chrome diese Hürde zu überwinden, doch anders als Microsoft unterliegt der Konkurrent nicht Kartellauflagen, wie die Seattle Times analysiert.

Durch die 2002 erzielte Einigung im Kartellverfahren der US-Regierung gegen Microsoft wird der Softwarekonzern davon abgehalten, Computerhersteller finanziell dafür zu belohnen, keine andere Browsersoftware als die eigene zu installieren. Eine Bestimmung, die vergangenes Jahr auslaufen sollte, im Januar aber auf Betreiben einiger Bundesstaaten zusammen mit der Kartellaufsicht verlängert wurde. Diese Bestimmung gelte aber nicht für Google, das so auf dem Computermarkt – anders als wiederum die nicht gerade finanzstarke Mozilla Foundation, die zudem größtenteils von Google finanziert wird – seine geballten Kräfte spielen lassen könnte, während Microsoft nur indirekt auf die PC-Hersteller einwirken könne, heißt es in der Analyse.

Doug Anmuth, Analyst von Lehman Brothers, meint laut Wall Street Journal, Google könne die Bekanntheit seiner Marke sowie seine diversen Partnerschaften bei der Verbreitung von Chrome nutzen. Anmuth schätzt, dass Google so innerhalb von zwei Jahren auf 15 bis 20 Prozent Anteil am US-amerikanischen Browsermarkt kommen könne.

Microsoft-Manager Dean Hachamovitch wiegelt allerdings ab, wie die New York Times berichtet. Bei Chrome handele es sich nicht um den ersten oder besten Webbrowser, sondern lediglich den ersten von Google. Seines Erachtens seien die Funktionen im kommenden Internet Explorer 8 besser. Wie und wie schnell sich Chrome verbreiten wird, ist momentan noch nicht abzusehen. So bleibt Hachamovitch wie gestern auch dem Mozilla-Chef John Lilly nichts anderes übrig, als auf die Vorteile des eigenen Geschäftsmodells und der eigenen Software zu verweisen.

Die Süddeutsche Zeitung greift allerdings jetzt schon Besorgnisse auf. In ihrem Kommentar stellt sie Chrome als folgerichtigen Schritt dar. Der Jubel der Microsoft-Hasser in den einschlägigen Diskussionsforen sei Google gewiss. "Es gibt aber in diesen Foren auch die Warner, die Orwells Vision vom allgegenwärtigen Überwachungsstaat nicht in totalitären Systemen der realen Politik, sondern im Großkonzern Google Wirklichkeit werden sehen", heißt es in dem Kommentar. Eine Studie der TU Graz hatte gar Ende 2007 vor einer "Bedrohung der Menschheit" durch Google gewarnt. Das "monopolistische Verhalten" des Marktführers bedrohe, wie wir die Welt sehen und wie wir als Individuen wahrgenommen werden.

Vielleicht als Besänftigung für diejenigen, die zuletzt in den Diskussionen um Googles Straßenansichtsdienst Street View um die Privatsphäre der Internetnutzer und darüber der Menschen an sich besorgt sind – Microsoft sieht das als Gelegenheit, hier Pluspunkte zu sammeln –, hat Google bereits Anmerkungen zum Datenschutz zu Chrome veröffentlicht. Besänftigen sollen möglicherweise Sätze wie "Zum Verwenden und Herunterladen von Google Chrome müssen keine persönlichen Informationen angegeben werden". Allerdings ist der Webbrowser so voreingestellt, dass eine eindeutige Anwendungsnummer, die IP-Adresse des Nutzers und einige Cookies an Google übermittelt werden. Auch wird der vom Nutzer eingegebene URL an Google übersandt.

Auch wenn Google beteuert, dass es keine persönlichen Daten sammelt, werden kritische Beobachter aufhorchen. Spätestens seit einer Datenpanne bei AOL, durch die 20 Millionen Suchanfragen von 658.000 Kunden an die Öffentlichkeit gelangten, wurde ersichtlich, dass direkte persönliche Informationen nicht unbedingt nötig sind, um aus diesen Anfragen Rückschlüsse auf den Nutzer ziehen zu können. Zudem hat sich bereits gezeigt, dass auch staatliche Stellen an gesammelten Suchanfragendaten interessiert sein können, wie sich Anfang 2006 in den USA gezeigt hat.

Zu Google Chrome und der Auseinandersetzung um den Browsermarkt siehe auch:

Zu Google und seiner Vormachtstellung siehe auch:

(anw)