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Googles große Datenschutz-Initiative

Google verzichtet bald auf erhebliche Datenmengen. So möchte sich der Datenkonzern noch stärker vom Mitbewerb abheben und wohl auch Kosten senken.

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Google-CEO Sundar Pichai auf der Eröffnungspräsentation der Google I/O 2019

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Google fährt ein breit angelegtes Datenschutz-Programm auf. War das Unternehmen für US-Verhältnisse schon bisher recht datenschutzfreundlich und hat Usern diverse einschlägige Einstellungsmöglichkeiten geboten, wird dieses Unterscheidungsmerkmal bald noch deutlicher. Offensichtlich will sich Google dabei auch mit recht konkreten Vorhaben von Facebook abheben: Mark Zuckerberg hatte unter der Devise "Die Zukunft ist privat" im Vergleich nur recht wolkige Prinzipien dargeboten.

Die Datenschutz-Änderungen ziehen sich quer durch Produkte wie Android, Assistant, Chrome und Maps bis hin zur Werbung. Das hat sich am ersten Tag der Entwicklerkonferenz Google I/O am Konzernsitz in Mountain View herauskristallisiert. Die technisch beeindruckendsten Verbesserungen gibt es beim kommenden Smartphone-Betriebssystem Android Q. "Fortschritte bei Deep Learning erlauben uns, das 100 GByte umfassende Modell (für Spracherkennung und -verarbeitung) auf ein halbes Gigabyte zu reduzieren", sagte Google-Chef Sundar Pichai in seiner Eröffnungsansprache, "Damit können wir es aufs das Telefon bringen."

Damit kann der Assistant direkt auf dem Handy ausgeführt werden (zunächst auf den neuen Pixel-Geräten aus Googles eigenem Hause), anstatt alle Aufnahmen in die Cloud hochzuladen und dort verarbeiten zu müssen. Lokal ausführbare Befehle, wie etwa das Einschalten der Taschenlampe per Sprachbefehl, die Steuerung lokale vernetzter Glühbirnen oder das Diktieren von E-Mails können privat bleiben und werden nicht mehr an Google-Server verraten.

Auch Übersetzungen und diverse intelligente Kommunikationshilfen sollen grundsätzlich lokal auf dem Handy durchgeführt werden. Das kann die Telefonrechnung schonen, weil weniger Daten zu übertragen sind. Nicht zuletzt wird die Interaktion wesentlich flotter, weil die für die Verbindung mit der Cloud notwendige Wartezeit wegfällt.

Google spart gleichzeitig Geld für Datenübertragung, Berechnungen und Datenspeicherung. Apropos Datenspeicherung: Hinkünftig wird es möglich sein, die Datenspuren bei Google-Apps sowie Bewegungsmuster automatisch nach 3 oder 18 Monaten löschen zu lassen. Bisher kann man sie nur speichern, nicht speichern, oder manuell löschen.

Ganz ohne Datenübertragung geht es natürlich nicht: Wer etwa die aktuelle Wetterprognose anfordert, muss diese von einem Server beziehen. Außerdem errechnet das Handy aus der lokalen Nutzung Updates für das globale Modell der künstlichen Intelligenz und anderer crowdgesourcter Datenbanken und teilt diese mit Google. Daraus werden dann wieder Updates für alle User gesponnen. Google nennt dieses Verfahren Federated Learning.

Ein einfaches Beispiel sind neue, von tausenden Usern eingetippte Begriffe, die dann in Rechtschreibkontrolle und Autovervollständigung der Tastatur einfließen. Google bekommt jedenfalls deutlich weniger Rohdaten als derzeit, und verknüpft sie auch seltener mit
einzelnen Usern.

Der aus Webbrowsern bekannte Inkognito-Modus soll auch in anderen Google-Produkte Einzug halten; in YouTube gibt es ihn bereits, Maps soll bald hinzukommen, gefolgt von der Suche. Google speichert dann nicht mehr, wie die App genutzt wurde. Darüber hinaus verspricht Google, die Datenschutzeinstellungen in Android Q leichter zugänglich zu machen. Und die kommende Android-Version wird die Mac-Adresse der Gerät zufällig verändern, was WLAN-Betreibern die Verfolgung fremder Geräte erschwert.

Dem neu vorgestellten Nest Home Max, einem Smart Display, spendiert der Hersteller einen in Hardware ausgeführten Schalter für die Kamera, der die Stromzufuhr regelt. Das schützt vor neugierigen Hackern. Im Sommer bekommen Nest-User die Möglichkeit, ihr Konto mit einem Google-Konto zusammenzuführen. Bei Google-Konten kann Zwei-Faktor-Authentifizierung aktiviert werden, was Nest-Geräte besser vor unbefugtem Zugriff schützt.

Die neueste experimentelle Version des Chrome-Browsers geht strenger mit Cookies um. Sie sollen grundsätzlich nur noch für jene Webseite einsehbar sein, die das jeweilige Cookie gesetzt hat. Außer, der Betreiber der Webseite deklariert das Cookie ausdrücklich als sichtbar für Dritte. Eine spätere Chrome-Version wird dann aber zwingend die verschlüsselte Übertragung solcher Cookies durchsetzen.

Außerdem hat Google Maßnahmen gegen so genanntes Fingerprinting versprochen. Mittels Fingerprinting versuchen Datendealer, User möglichst über alle Webseiten hinweg zu identifizieren und zu verfolgen, um Nutzungsprofile zu erstellen. Neben der Auswertung von Cookies und besonders langlebiger Evercookies werden dabei auch Informationen wie Betriebssystem, Browserversion, Bildschirmauflösung, installierte Schriftarten und Erweiterungen ausgelesen.

Die Chrome-Verbesserungen werden in absehbarer Zeit in der Release-Version des Browsers ankommen. Wie üblich wird der Source Code auch der Open-Source-Variante Chromium zur Verfügung gestellt. Wann und wie genau Chrome gegen Fingerprinting vorgehen wird war auf der I/O noch nicht zu erfahren. Bis dahin helfen spezielle Browser wie zum Beispiel Brave, sowie Browsererweiterungen wie Ghostery und Privacy Badger.

Um Usern deutlich zu machen, wie ihre Daten die Einblendung von Reklame beeinflussen, stellt Google mehr Transparenz in Aussicht. Eine Browser-Erweiterung für verschiedene Browser soll verraten, welche Faktoren die Auswahl von Google vermittelter Werbung beeinflusst haben und welche Firmen daran beteiligt waren. Und der Datenkonzern bereitet eine Programmierschnittstelle (API) zur Veröffentlichung solcher Informationen vor, die andere Werbevermittler bei ihren Anzeigen nutzen können, so sie das möchten.

Zur Google I/O 2019 siehe auch:

(ds)