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Größere Rolle der EU im ICANN-Regierungsbeirat

Die EU-Kommission stellt ab Ende November das Sekretariat für den Regierungsbeirat (Government Advisory Committee, GAC) der Internet-Verwaltung Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Christopher Wilkinson, lange Zeit GAC-Vizevorsitzender für die Kommission, wird neuer Chef des Sekretariats. Den Vorsitzenden und zwei der drei Vizevorsitzenden für den Regierungsbeirat werden die GAC-Vertreter in einer Online-Wahl bis zu der für Dezember anberaumten ICANN-Jahrestagung in Amsterdam wählen. Darauf einigten sich die GAC-Vertreter heute in ihrer nicht-öffentlichen Sitzung während des ICANN-Meetings in Shanghai.

Die Neuwahl wurde durch den Rückzug der australischen Regierung samt deren Vertreter Paul Twomey aus Vorsitz und Sekretariatsorganisation notwendig. Künftig liegen damit Management der Treffen der bei ICANN aktiven Regierungen und die Vertretung des GAC nach außen zu einem nicht unbedeutenden Teil in den Händen der Europäer. Verschiedene Vertreter aus Europa hatten bereits seit einiger Zeit Interesse an einer stärkeren Rolle geäußert.

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Die Internet-Gemeinde darf nun gespannt sein, ob sich der Kurs des GAC unter der Ägide der Europäer wesentlich ändert. Allgemein wird damit gerechnet, dass mit dem Umzug des Sekretariats nach Europa auch eine veränderte Balance im Verhältnis zwischen ICANN und den Regierungen einhergeht. Immerhin votierten die europäischen GAC-Mitglieder in einigen Fällen für einen größeren Einfluss der öffentlichen Hand auf die private Netzverwaltung.

Auch im Zuge des in Shanghai heftig umstrittenen Reformprozesses der ICANN könnte die Rolle des GAC in Zukunft zudem weiter aufgewertet werden. Die private Netzverwaltung hat augenblicklich mit einem erheblichen Vertrauensverlust zu kämpfen. Daher könnte sie stärker noch als zu Beginn ihrer Arbeit im Jahr 1998 geneigt sein, sich des Rückhalts der Regierungen zu versichern. Doch andererseits suchen auch die verschiedenen Einzelgremien der ICANN, die so genannten "Supporting Organizations" und "Constituencies", die Unterstützung der Regierungen gegen einen von ihnen kritisierten zu starken Zentralismus der ICANN. Wenn das GAC eine größere Rolle in der Netzverwaltung spielen will, scheint der Augenblick günstig.

Klar ist: die Kommission muss sich den gewachsenen Einfluss auch etwas kosten lassen. Nachdem für eine Übergangszeit die ICANN selbst für die Sekretariatskosten aufkommen musste, übernimmt dann die Kommission die finanziellen Verpflichtungen. Die für die vergangenen vier Monate von ICANN getragenen 75.000 US-Dollar wird die ICANN allerdings wohl nicht erstattet bekommen. Der scheidende GAC-Vorsitzende Twomey hat die Spekulationen, dass er Stuart Lynn als ICANN-Präsident ablösen könnte, bislang nicht bestätigt. (Monika Ermert) / (Monika Ermert) / (jk)

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