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Großbaustelle Jugendmedienschutz: 50 Prozent der Lehrer fühlen sich überfordert

63 Prozent der in einer Studie befragten Lehrkräfte kennen keine Beschwerde- oder Beratungsstelle, Vorstellungen von Jugendschutzprogrammen sind vage.

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Großbaustelle Jugendmedienschutz: 50 Prozent der Lehrer fühlen sich überfordert

Lehrer und pädagogische Fachkräfte hierzulande sehen viele Gefahren für ihre Schützlinge im Internet. In einer Studie gab über die Hälfte der befragten Pädagogen an, sich um problematische Online-Inhalte zu sorgen. Als konkrete Risiken nannten die Teilnehmer vor allem Kontakte zu Fremden, verstörende Gewalt- oder Pornografie-Inhalte, zu viel Werbung, Cybermobbing, Datenklau oder Viren.

86 Prozent der Lehrkräfte haben in der Umfrage, die das Hans-Bredow-Institut für Medienforschung und das Institut für Medienpädagogik "Jugend Film Fernsehen" (JFF) im Auftrag der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) erstellt haben, bereits Online-Mobbing unter ihren Schülern beobachtet; 84 Prozent sind davon überzeugt, dass Kinder und Jugendliche zu viele personenbezogene Informationen im Internet preisgeben. 80 Prozent nehmen an, dass Schüler im Netz mit Gewalt, Sex oder Horror in Kontakt kommen.

Dabei sieht sich nur rund die Hälfte der Befragten selbst in der Lage, die Heranwachsenden vor Online-Risiken zu schützen. 63 Prozent kennen im Ernstfall keine Beschwerde- oder Beratungsstelle, wie sie etwa die FSM im Netz betreibt. Auf solche Jugendschutz-Hotlines können 35 Prozent der Teilnehmer verweisen, 46 Prozent nennen Landesmedienanstalten als Kontaktstellen, 40 Prozent die Verbraucherzentralen und immer noch 16 Prozent die Datenschutzbeauftragten. Keine Hilfsstelle kommt auf einen Bekanntheitsgrad von über 50 Prozent.

Dass an Geräten Kinderschutzfunktionen aktiviert werden können, ist 88 Prozent bekannt; 84 Prozent sind bei Alterskennzeichen im Bilde, 80 Prozent bei der Installation von Filter- und Sperrsoftware. Mehr als ein Drittel gibt hier die für den Jugendschutz irrelevante Antwort, dass Antivirensoftware eingerichtet werden könnte. 21 Prozent glauben, es könne helfen, Cookies zu löschen.

Alle Online-Angebote Jugendlichen völlig frei zugänglich zu machen bejahen 7 Prozent der Lehrer. 83 Prozent finden es wichtiger, Kinder zu schützen als ihnen einen leichten Zugang zu möglichst vielen Internetdiensten zu bieten. In 22 Prozent der einbezogenen Bildungseinrichtungen können Heranwachsende gar nicht online gehen; damit sei das Schutzproblem direkt vor Ort zwar aus der Welt, meinen die Forscher, allerdings würden ein kritischer Umgang mit Internetinhalten und der Aufbau von Medienkompetenz ebenfalls behindert.

Lehrerfortbildungen zum Jugendmedienschutz sind selten verpflichtend und werden generell an einem Fünftel der Institutionen angeboten. Niels Brüggen vom JFF beklagte zur Präsentation der Ergebnisse am Dienstag in Berlin, dass für eine "ernstzunehmende Minderheit" der Pädagogen der Jugendmedienschutz im beruflichen Handeln gar nicht vorkomme.

Der Direktor des Hans-Bredow-Instituts, Uwe Hasebrink, unterstrich, dass es sich nach der repräsentativen Umfrage von Eltern und Kindern zum Jugendmedienschutzindex aus dem Vorjahr diesmal um eine "explorative Studie" handele, mit der wissenschaftliches Neuland betreten werde. Insgesamt seien 296 Lehr- und pädagogische Fachkräfte aus Bayern, Hamburg und Schleswig-Holstein einbezogen worden.

Angesichts der Resultate meinte Hasebrink, Lehrer zeichneten ein sehr schlechtes Bild von den primär Erziehungsberechtigten beim Jugendmedienschutz, da sie offenbar zu hohe Erwartungen hätten. Auch die Online-Anbieter seien gefordert, da die Lehrer sie derzeit "mehr als kritisch" sähen. Generell müsse die "Akteursvielfalt" transparenter, das Verhältnis Medienkompetenzförderung und Jugendmedienschutz besser austariert werden.

FSM-Geschäftsführer Martin Drechsler räumte ein, dass die Internetwirtschaft Beschwerdestellen und das zertifizierte Schutzprogramm JusProg sowie der ebenfalls geprüften geschlossenen Systeme von Nintendo Switch und Netflix bekannter machen müsse. Zudem dürfe der Digitalpakt für Schulen nicht weiter verzögert werden, da damit auch pädagogische Konzepte entwickelt werden sollten. (Stefan Krempl) / (anw)

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