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Gründer des Project Gutenberg gestorben

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Der Gründer des Project Gutenberg ist tot. Wie das Projekt mitteilte, starb Michael. S. Hart am 6. September in Urbana im US-Bundesstaat Illinois im Alter von 64 Jahren. 40 Jahre lang hatte Hart daran gearbeitet, Bücher und Texte als "E-Books" frei verfügbar zu machen. Das Project Gutenberg selbst gilt als ältestes Projekt, das sich der öffentlichen, allgemeinen Nutzung von Computern verschrieben hat. In seinem letzten Text beschäftigte sich Hart mit der Zukunft der Lesegeräte.

Hart startete das Project Gutenberg als Student an der Universität von Illinois, als er am 4. Juli 1971 die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung an einem Terminal abschrieb und abspeicherte. Der Text war nach damaligen Maßstäben so umfangreich, dass er nicht als E-Mail verschickt werden konnte. Danach machte sich Hart daran, systematisch Texte zu digitalisieren, die frei von Urheber- und Copyrightrechten als Güter der "Public Domain" angesehen wurden. Sein Project Gutenberg gewann an Fahrt, als Hart in der ganzen Welt Freiwillige fand, die beim Einscannen und Korrigieren der Texte halfen. Nach Angaben des Project Gutenberg sind derzeit 36.000 Bücher in 60 Sprachen frei verfügbar.

Als Sohn zweier Universitätsprofessoren (englische Literatur und Mathematik) wuchs Hart in Urbana in einer akademischen Umgebung voller Bücher auf. Gleichzeitig begeisterte er sich für die Elektronik, bastelte Radios und Lautsprecher. In jüngster Zeit engagierte sich Hart in der Fabbing-Szene und arbeitete am Projekt einer sich selbst replizierenden Maschine mit. Bis ans Ende seines Lebens war Hart ein optimistischer Futurist, der fest daran glaubte, dass eines Tages jeder Mensch eine Kopie des Project Gutenbergs mit sich führen wird.

In einem Text zur Zukunft der Lesegeräte schwärmte Hart davon, dass mit den E-Book-Readern die Heimschulbewegung neuen Auftrieb erfährt. Nach Angabe des Gutenberg-Mitgründers Gregory Newvy zitierte Hart in letzter Zeit George Bernard Shaws Aphorismus: "Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an; der unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt sich anzupassen. Deshalb hängt aller Fortschritt vom unvernünftigen Menschen ab."

Als Streiter für diese Form von Unvernunft war Michael S. Hart Zeit seines Lebens nicht mit Wohlstand gesegnet. Seine Computer waren zusammengebaute Altgeräte, Auto und Haus wurden selbst repariert, statt Ärzten musste sich die Naturheilkunde an Harts Krankheiten bewähren. Alle Einnahmen steckte Hart in das Project Gutenberg und die Verbreitung von Büchern für eine Menschheit, die das Lesen als kulturtechnik und als höchste Form der Vermittlung von Wissen begreift. (Detlef Borchers) / (anw)

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