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Grüne fordern Qualitätssiegel für Gesundheits-Apps und mündige Patienten

Grüne Gesundheitspolitiker haben in Berlin diskutiert, was Qualitätssiegel für Gesundheits-Apps leisten und wie sie technisch realisiert werden können.

Grüne fordern Qualitätssiegel für Gesundheits-Apps und mündige Patienten

(Bild: DKV)

Im Dschungel der Gesundheits-Apps wollen die Grünen eine Schneise schlagen. Qualitätssiegel sollen dabei helfen, dass Apps im Bereich der Primärprävention (Fitness-Überwachung) wie im Bereich der Krankheitsbelastung eine Orientierungshilfe geben. Auf einer Veranstaltung der Partei diskutierten Medizin-Informatiker, App-Bewerter, Startups und Verbraucherschützer das Thema mit den gesundheitspolitisch engagierten Vertretern der Grünen.

Allein im kardiologischen Bereich gibt es 1400 Apps mit deutscher Nutzerführung, die in unterschiedlicher Form den Puls oder das "Herzstolpern" überwachen. Die wenigsten sind zugelassene Medizinprodukte wie das unlängst vorgestellte CardioSecur. Von den 55 Apps, die in Deutschland als Diabetes-Tagebücher zum Download bei Apple und Google angeboten werden, kommen zwölf mit einer Datenschutzerklärung, die den Patienten ausführlich informiert, wo seine Daten wie gespeichert und vom wem gelesen werden können. Wer sich Gesundheits-Apps auf sein Smartphone lädt, fragt selten seinen Arzt, sondern orientiert sich an den Bewertungen anderer Nutzer und dem Download-Zähler. Bald wird es für jede Krankheit eine App geben, für jede Form der Gesundheitsoptimierung ohnehin.

Für Konstantin von Notz, den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, ist seine Partei als "Partei des Datenschutzes" gefordert, sichere Apps mit sicheren Übertragungswegen zu unterstützen und dabei die Nutzung von Technik nicht zu verteufeln. Qualitätssiegel sollen ein Mittel sein, die Orientierung zu behalten.

Der Medizininformatiker Urs Vito vom MedAppLab der Medizinischen Hochschule Hannover erläuterte, von der Programmierung und ständiger Pflege vertrauenswürdiger Software über die Rechtskonformität, die Transparenz der Testmethoden und -Ziele bis hin zur Korrektheit von Web-Informationen gebe es viele Stolpersteine für ein Qualitätssiegel. Am Beispiel der gescheiterten App-Bewertung von Happtique verwies er auf das Risiko von Bewertern, von mächtigen Pharmakonzernen verklagt zu werden.

Martin Wiesner, Medizininformatiker der Hochschule Heilbronn, zeigte anhand der drei Apps Instant Herzfrequenz vom US-Hersteller Azumio, Runtastic Herzfrequenz und dem deutschen Preventicus Heartbeat, wie unterschiedlich Apps ausfallen können – und wie problematisch Bewertungen im Appstore sein können. Wenn von deutschen Stellen ein Qualitätssiegel eingeführt werde, dürfe dies nicht allein ein optisches Siegel sein. Wiesner plädierte für die Einführung eines kryptographisch abgesicherten Siegels auf der Basis von laufzeitbeschränkten X.509-Zertifikaten, auszugeben von einer Certificate Authority (CA), die regelmäßig prüft und Zertifikate widerrufen kann.

Widerspruch erhielt Wiesner von Ursula Kramer, die mit HealthOn eine App-Bewertungsdatenbank aufgebaut hat. Sie erzählte, wie es beim RFID-Blutzucker-Messverfahren Freestyle von Abbott die Nutzer waren, die mit ihren Hinweisen und Tipps die Diabetestagebuch-App verbesserten. Aus der Startup-Szene kam Boris Gauss von Welldoo, das unter anderem Apps wie den Gesundheitscoach für die TK entwickelt. Er überraschte die Zuhörer mit der Aussage, dass die Pharmaindustrie nicht an den Nutzerdaten, sondern an neuen Geschäftsmodellen interessiert sei. Auch er ist dafür, Qualitätssiegel einzuführen. (Detlef Borchers) / (anw)

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