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Grüne suchen die Diskussion über Spiele

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Am gestrigen Montagabend fand im deutschen Bundestag in Berlin eine bereits seit einiger Zeit geplante Gesprächsveranstaltung der Grünen statt, die unter der Leitfrage stand: "Was wird hier gespielt?" Bei der Planung konnten die Veranstalter nicht vorhersehen, welche aktuelle Brisanz das Thema Computer- und Videospiele durch den Amoklauf des Bastian B. in Emsdetten bekommen würde. So kam der als Informationsgespräch für die parlamentarische Arbeit angelegte Meinungsaustausch erwartungsgemäß nicht an der neu entfachten "Killerspiele"-Diskussion vorbei. Zu den Teilnehmern gehörte unter anderem Prof. Winfred Kaminski vom Institut für Medienforschung und Medienpädagogik der FH Köln, der bereits am vergangenen Mittwoch bei einer Diskussionsveranstaltung von Electronic Arts zur medienwissenschaftlichen Würdigung digitaler Spiele die einleitenden Worte gesprochen hatte.

Anders als es in der durch mangelnde Differenzierung geprägten öffentlichen Debatte üblich ist, bemühte man sich in Berlin um eine saubere grundsätzliche Trennung der zwei Hauptthemen: Auf der einen Seite stand die Frage des Verbots von "Killerspielen", auf der anderen standen die Anliegen des Jugendmedienschutzes und die Frage nach pädagogisch wertvollen Spielen für Kinder.

Kaminski wies zur Eröffnung noch einmal darauf hin, dass "Killerspiele", also Spiele mit gewalt- oder kriegsverherrlichendem Inhalt, in Deutschland längst verboten und mit strafrechtlichen Konsequenzen verbunden sind, "auch wenn Herr Pfeiffer etwas anderes behauptet". Gemeint ist der frühere niedersächsische Justizminister Prof. Dr. Christian Pfeiffer, der mit seinen umstrittenen Thesen zum Computerspielekonsum Jugendlicher gegenwärtig in den Medien sehr stark präsent ist.

Abseits der Diskussion nahm die Kritik an Pfeiffer noch deutlichere Formen an: So bemängelten Wissenschaftler vor allem, dass die immer wieder ins Feld geführten Studien von Pfeiffers Kriminologischem Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) nach wie vor nicht in vollem Umfang einsehbar seien. Das wissenschaftliche Transparenzgebot fordert hingegen Nachvollziehbarkeit, die hier eben gerade nicht gegeben sei.

Kaminski stellte der Ideologie einer Medienvermeidung die Aufforderung gegenüber, die Medienkompetenz von Kindern und Erwachsenen stärker zu fördern, und rief zu aktiver medienpädagogischer Arbeit auf. "Wir sollten Kinder und Jugendliche nicht für beschränkter halten, als sie es sind – oder sogar als wir es sind." Er forderte eine stärkere Auseinandersetzung mit der Jugendkultur, in der Computerspiele ein wichtiger Bestandteil seien.

Damit war der Bogen zum Themenkomplex "Kindgerechte Medien" geschlagen. In diesem Zusammenhang stellte Thomas Röhlinger vom Kinderradio Radijojo sein Projekt vor. Das von Kindern gestaltete spezielle Radioprogramm wird für Kinder und Erwachsene produziert. Schülergruppen schreiben und produzieren eigenverantwortlich, aber mit Unterstützung, Hörspiele. Mittlerweile ist daraus ein weltweites Netz entstanden, in dem Kinder interkulturell Medienkompetenz und viele weitere Fähigkeiten erwerben.

Im zweiten Teil der Veranstaltung ging es vor allem um die Frage von Förderung und Hervorhebung wertvoller Spiele. Dabei rückte Petra Maria Müller von der Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, die sich in öffentlichem Auftrag um Filmförderung und Standortentwicklung der beiden Länder kümmert, die wirtschaftliche Bedeutung von Computerspielen ins Licht der Aufmerksamkeit. Den Spielesoftwarebereich als Wachstumsbranche dürfe man nicht unterschätzen. In diesem Zusammenhang konnte Malte Behrmann, Geschäftsführer für den Bereich Politik beim Bundesverband G.A.M.E., der Versuchung nicht widerstehen, ein altes Anliegen seines als Entwicklerlobby auftretenden Verbands noch einmal auf den Tisch zu legen: Man wünscht sich Fördermodelle, welche die Spieleentwicklung in Deutschland vorantreiben und die amtliche Anerkennung des digitalen Spiels als Kulturgut sichern sollen.

Neben den wirtschaftlichen Aspekten stand auch die Frage nach einem einheitlichen Qualitätssiegel für pädagogisch wertvolle Software im Raum. Hierzu äußerten sich aber sowohl Hans-Jürgen Palme vom Verein SIN – Studio im Netz e.V. als auch der als Kindersoftwarespezialist bekannte Thomas Feibel skeptisch. Es sei nicht sicher, ob ein allgemeines Gütesiegel nicht gerade bei den jungen Softwarenutzern den Anschein des Altväterlich-Braven und somit Unattraktiven erwecken könne. Beide Einrichtungen vergeben bereits Preise für Kindersoftware: auf der einen Seite den "Pädi" in Bronze, Silber und Gold, auf der anderen den "Tommi".

Siehe zu dem Thema auch:

(Nico Nowarra) /

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