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Grüne wollen Suchtpotenzial von Online-Rollenspielen bekämpfen

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Die Fraktion der Grünen im Bundestag hat einen Antrag (PDF-Datei) ins Parlament eingebracht, wonach die Bundesregierung schärfer gegen die angeblich zunehmende Medienabhängigkeit vorgehen soll. Im Blickfeld hat die Oppositionspartei dabei vor allem das Internet. Studien zufolge würden etwa drei bis sechs Prozent der Nutzer als "onlinesüchtig" und noch einmal so viele als "stark suchtgefährdet" gelten. Jüngste Forschungsergebnisse setzen die Zahlen sogar noch höher an. Beratungsstellen erkennen dem Papier nach zudem zunehmend "andere Formen der Mediensucht" wie die "übermäßige Teilnahme" an Chats oder Online-Spielen sowie den "übermäßigen Konsum" von Pornographie im Internet.

Der Bundestag soll nun zwar das "Potenzial" von Medien allgemein anerkennen, vor den Abhängigkeitsgefahren aber nicht die Augen verschließen. Als typische Symptome nennen die Grünen einen "unkontrollierten, stundenlangen Konsum, die stetige Erhöhung der 'Dosis', eine ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Suchtverhalten, misslingende Reduzierungsversuche sowie Entzugserscheinungen einschließlich Formen von Aggressivität". Die negativen Folgen könnten sich auch auf das Sozialverhalten allgemein erstrecken.

In Gesellschaft und Wissenschaft wird das Problem laut den Grünen bisher unzureichend thematisiert. Es handle sich aber um eine "eigenständige, nicht stoffgebundene" Suchtform, die als Krankheit nach dem Diagnoseschlüssel ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) der Weltgesundheitsorganisation anerkannt werden müsse.

Eine "besondere Abhängigkeitsgefahr" sieht die Oppositionspartei in Online-Rollenspielen wie World of Warcraft. Suchtpotenzial hätten dabei vor allem der ununterbrochene Spielverlauf und die Konzeption. Es werde eine Bindung hergestellt, der sich insbesondere jüngere Menschen oft nur schwer entziehen könnten. Derlei Gefahren soll die Bundesregierung mit einem "Bündel von Maßnahmen" entgegenwirken. Dazu gehören Warnhinweise durch die Produzenten, die auf das Suchtpotenzial hinweisen sollen, sowie "verpflichtende Spieldauereinblendungen". Diese sollen die Daddler "regelmäßig auf die bereits verstrichene Spieldauer hinweisen. Erwachsene sollten ferner die Möglichkeit erhalten, eigene Spielzeitkontingente für sich und ihren Nachwuchs festzulegen. Für Minderjährige sollte die wöchentliche Spielzeit "aus Gründen des Jugendschutzes" allgemein begrenzt werden.

Als eine Art Gegengift fordern die Grünen weiter die "stetige Vermittlung von Medienkompetenz". Noch fehle es gerade Heranwachsenden oft an der Fähigkeit, kritisch und selbstbestimmt mit Medien umzugehen. Auch Erwachsene seien sich häufig des möglichen Schadens, der "durch den exzessiven Konsum bestimmter Medienformen ausgelöst wird", nicht bewusst. Eltern und Erziehungsberechtigten fehle mitunter auch die Fähigkeit oder der Wille, die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen "sinnvoll zu reglementieren". Deshalb müsse die Vermittlung von Medienkompetenz im Bedarfsfall "schulisch und außerschulisch erheblich gesteigert werden". Kinder, Schulen und Jugendeinrichtungen sollten hier "flächendeckend" feste Angebote haben, aber auch Arbeitgeber im Rahmen der Arbeitsplatzgestaltung und der beruflichen Weiterbildung aktiv werden. Auch die spezielle Schulung von Suchtberatern und Therapeuten müsse vorangetrieben werden, damit sie Medienabhängigkeit besser erkennen und behandeln können.

Passend zum Thema startet in Berlin am heutigen Freitag die nach Angaben der Veranstalter "erste Mediensucht-Konferenz" (PDF-Datei) der Hauptstadt rund um "Computer, Fernsehen, Handy" und deren "moderne Gefahren". Im Rahmen der vom Gesamtverband Suchtkrankenhilfe (GVS) und dem Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität Mainz initiierten zweitägigen Veranstaltung soll das Spannungsfeld zwischen positiven Nutzungsmöglichkeiten moderner Kommunikationsmedien und einem selbst schädigenden Fehlverhalten mit hohem Leidensdruck bei Betroffenen und Angehörigen aufgezeigt werden. Auch Tipps zur Selbsthilfe und zur Therapie sollen vermittelt werden. (Stefan Krempl) / (jk)