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Grünes Licht für neue Internet-Adresszonen

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Nach jahrelangen Diskussionen hat die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) grünes Licht für die Einführung neuer Adresszonen (Top Level Domains, TLDs) im Netz gegeben. Bei ihrer Sitzung in Paris akzeptierten die ICANN-Direktoren heute ein Konzept, welches das für generische TLDs zuständige Selbstverwaltungsgremium (GNSO) der ICANN erarbeitet hatte. Nach einer ersten Testrunde mit neuen TLDs im Jahr 2000 und einer kleineren zweiten Runde mit TLDs für spezielle Zwecke im Jahr 2004, soll damit ein reguläres Verfahren für die fortgesetzte Beantragung neuer Adresszonen im Stil von .com, .biz, oder .cat etabliert werden, mit dem sich nahezu beliebige Begriffe für Top Level Domains auswählen lassen sollen. Details zum Antragsverfahren, zu deren Preisen und zu den Registrierungsprozeduren innerhalb der schließlich genehmigten neuen Domains müssen aber noch ausgehandelt werden.

Trotz der von vielen als historisch bezeichneten Entscheidung für die "neue DNS-Welt" gab es bei der Sitzung in Paris eine Menge Warnungen von Seiten der Direktoren. Vorstandsmitglied Dave Wodelet, Director of Internet Systems Engineering bei Shaw Communications, verwies auf die Grenzen des DNS in Bezug auf die mögliche Zahl neuer Adresszonen. Rund 5000 neue Adresszonen hält er für machbar, nicht möglich sei aber die Eintragung von fünf bis sechs Millionen Ortsnamen, die theoretisch beantragt werden könnten. Von den möglichen Vanity-Adressen für private Nutzer wolle er gar nicht sprechen. "Die Root ist und bleibt eine knappe Ressource", sagte Wodelet. ICANN-Präsident und CEO Paul Twomey mahnte ebenfalls zur Besonnenheit angesichts der vielen noch offenen Fragen. "Der Teufel steckt im Detail", sagte Twomey und verwies etwa auf die Schwierigkeit, klare Regeln für Einsprüche gegen eingereichte TLD-Vorschläge zu schaffen.

Insbesondere Einsprüche wegen "moralischer" Bedenken oder einer möglichen Beeinträchtigung der "öffentlichen Ordnung" würden ähnlich schwierig zu regeln sein, wie die Ausgestaltung der außergerichtlichen Streitbeilegungsregeln (UDRP-Regeln), die Markenrechtsvertreter vor der ersten Erweiterung des Namensraums gefordert hatten. Vorstandsmitglied Susan Crawford mahnte, die Bestimmungen für diese Einspruchsmöglichkeiten extrem eng zu gestalten, sonst habe ICANN in seiner Aufgabe einer privaten Selbstverwaltung versagt. Eine Befürchtung ist, dass Regierungen sich einer solchen Regel bedienen könnten, um unliebsame Namen zu stoppen.

Der Vorsitzende des Regierungsbeirates Janis Karklins meldete denn auch schon mal Bedenken hinsichtlich der bislang vorliegenden Regeln an. Bei diesen sei der Schutz geografischer Bezeichnungen nicht ausreichend berücksichtigt, und man hoffe hier auf weitere Verbesserungen. Twomey verwies darauf, dass man bei der Konkretisierung der möglichen Einwände Rat bei juristischen Experten einholen werde, ebenso wie bei einer möglichen Aufhebung der bislang obligatorischen strukturellen Trennung von Registries und Registraren. Schon jetzt haben die Vorbereitungen zehn Millionen US-Dollar gekostet. Twomey rechnet aber, dass weitere zehn bis zwanzig Millionen für die Fertigstellung der Regeln, Verträge und Ausschreibungsunterlagen fällig werden. Angesichts der noch notwendigen Detailarbeit darf man gespannt sein, ob ICANN den verkündeten Zeitplan einhalten kann. Dieser sieht den Start der Bewerbungsfrist im zweiten Quartal 2009 vor. Vorher sollen die Öffentlichkeit und die ICANN-Gremien nochmals Gelegenheit zur Kommentierung der endgültigen Regeln erhalten.

Gleichzeitig hat das hauptamtliche Büro noch mehr aufwendige Arbeit zu erledigen: Nämlich die Implementierung der in Paris heute ebenfalls beschlossenen abgekürzten Verfahren zur Einführung neuer nicht-lateinischer IDN ccTLDS. Der Regierungsbeirat und das für die Länderadresszonen zuständige Gremium (ccNSO) haben sich in Paris auf Regeln für das abgekürzte Verfahren geeinigt. Bulgarien und Russland haben bereits per Brief angemeldet, dass sie ihre Länderadresszonen in Kyrillisch zu beantragen gedenken – und streiten sich nun, wer der erste war. Man darf gespannt sein, wer am Ende tatsächlich als erster eine komplette nicht-lateinische Adresszone im Netz hat,

Zum 32. Treffen der Internet-Verwaltung ICANN siehe auch:

(Monika Ermert) / (pmz)