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Grundsatzdebatte: Wer hat in der Wikipedia das Sagen?

Der Streit um den neuen Bildbetrachter und den "Superprotect"-Status weitet sich zur Grundsatzdebatte aus: Wer hat in der Wikipedia das Sagen? Die Wikimedia Foundation will nicht zurückstecken.

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Auch in der zweiten Woche wird der Konflikt um den neuen Media Viewer in Wikipedia-Kreisen mit unverminderter Härte geführt. Der Streit war eskaliert, als Erik Möller, Vize-Chef der Wikimedia Foundation, einen neuen "Superprotect"-Status in die Software MediaWiki einbauen ließ, um einen Admin in der deutschsprachigen Wikipedia davon abzuhalten, ein neues Feature zu deaktivieren. Der Media Viewer ist eins der Kernprojekte der Wikimedia Foundation, um die Online-Enzyklopädie leserfreundlicher zu machen.

Der Streit um den von Erik Möller eingeführten "Superprotect"-Status wächst sich zu einer Grundsatzdebatte aus.

(Bild:  Lane Hartwell, Wikimedia Foundation (CC BY-SA 3.0) )

In einer Umfrage in der deutschen Wikipedia stimmten innerhalb einer Woche 87 Prozent der 767 Teilnehmer dafür, den Superschutz sofort ohne Bedingungen freizuschalten. Die wahrscheinliche Folge wäre, dass der Media Viewer, den Kritiker als unfertig betrachten, wahrscheinlich wieder in der deutschen Wikipedia gesperrt werden würde.

Dies versucht Möller zu verhindern. Sein Vorschlag: Über 30 Tage sollten Community und Wikimedia Foundation auf Basis des von der US-Stiftung vorgesetzten Kurses debattieren, wie man den Media Viewer verbessern könne. Zwar bekommt der Vorschlag bei einer Kurz-Umfrage unter freiwilligen Administratoren einige Zustimmung, andere Administratoren sehen jedoch derzeit keine Grundlage für ein solches Moratorium.

Möller und die neue Chefin der Wikimedia Foundation Lila Tretikov geben sich dialogbereit, wollen aber nur für die Zukunft Verbesserungen bei der Abstimmung der Einführung von neuen Software-Entwicklungen machen. So wird unter anderem die Einrichtung eines paritätisch besetzten Technikrates diskutiert, der in solchen Streitfällen entscheiden soll.

Eine solche Lösung ist jedoch in weiter Ferne: Derzeit wird der Streit auf Dutzenden von Mailinglisten, Diskussionsseiten und formalen Streitschlichtungsseiten ausgetragen -- ohne dass sich eine Einigung abzeichnet. Dabei zeigen sich fundamental unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf die Aufgaben der US- Stiftung. So widerspricht Möller vehement der Vorstellung, dass die Wikimedia Foundation nur das umzusetzen habe, was die Community wünsche.

Den traditionell auf lokale Autonomie bestehenden Wikipedia-Aktivisten trat Jan-Bart de Vreede, Vorsitzender des Stiftungsrats der Wikimedia Foundation, auf die Füße. Auf der Diskussionsseite von Lila Tretikov erklärte er: "Wir müssen als eine Community agieren, nicht als 1000. Dies bedeutet, dass wir nicht die Wünsche einiger weniger Hundert umsetzen können, sondern dass wir Prozesse etablieren müssen, die den Erfolg von Millionen unterstützen."

Die Wikipedia in der Wikiwand-Version findet Anklang.

(Bild: Screenshot)

De Vreede sieht den Erfolg des Projekts Wikipedia in der Masse: Nicht die regel- und qualitätsfixierten Beiträge haben Priorität, sondern der Umbau zu einer Wikipedia, zu der wirklich jeder beitragen können soll. Den Kritikern, die den Kurs der Foundation nicht unterstützen, empfiehlt De Vreede eine -- hoffentlich temporäre -- Wikipedia-Pause einzulegen. Wikipedia leidet seit Jahren unter einem Autorenschwund, auch die Leserzahlen stagnieren in diesem Jahr erstmals trotz der aggressiven Mobil-Strategie der US-Stiftung.

Dass Wikipedia ein attraktiveres Äußeres gebrauchen kann, ruft mittlerweile auch Dritte auf den Plan. So hat sich das Startup Wikiwand ein Investment von 600.000 Dollar gesichert, um die Wikipedia per Browser-Plugin attraktiver zu machen. Das von Wikiwand überarbeitete Design setzt auf mehr Bilder, eine überarbeitete Typografie und eine übersichtlichere Navigation und findet bei vielen Wikipedianern Beifall. Weniger Zustimmung dürfte das Geschäftsmodell finden: Wikiwand will sich über Werbung finanzieren und ein Drittel der Gewinne an die Wikipedia spenden. (Torsten Kleinz) / (vbr)

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