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Hackercamp SHA2017: Künstliche Intelligenzen und gefährliche Algorithmen

Der größte Tesla-Parkplatz Europas hat sich aufgelöst, auch die Pappzelte sind Matsch, denn das Gelände der niederländischen Pfadfinder versinkt im Dauerregen. "Still Hacking Anyway" ist vorüber. Ein Fazit.

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Der Denker, Rodin

Der Denker.

"See you in Leibschg at 34C3". Mit diesen Worten endete auf dem Camp "Still Hacking Anyway" die traditionelle Infrastructure Review nach einem größeren Hackertreffen. Womit bewiesen war, dass Niederländisch nur eine Version des Sächsischen ist.

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In den Augen der Veranstalter wie der Teilnehmer war die Veranstaltung mit 3700 Menschen ein toller Erfolg, auch wenn man hin und wieder mit Problemen kämpfte. Ein kurzer Stromausfall, ein Fiber-hungriges Eichhörnchen und das durchwachsene Wetter mit sehr kühlen Nächten wurden gemeistert. Von 380 abuse-Mails entpuppten sich sieben als schwere Fälle, bei denen die Admins einschreiten mussten. Trotz haarstäubender Produktions-Probleme konnten die Besucher mit einem Konferenz-Badge versorgt werden, das für 25% der gesamten Netzlast auf dem Camp verantworlich war.

Zahlreiche Anwendungen wurden für das Hackerstück geschrieben, etwa ein Gameboy-Simulator. Fast 300 Vorträge und Workshops gab es, die meisten öffentlichen sind bereits aufbereitet und stehen auf Media.ccc zur Verfügung und wurden schon 9700 Mal abgerufen. Zu wünschen ist ihnen eine lange Lebenszeit: Von den Vorträgen der niederländischen Vorgängerkonferenz OHM 2013 sind nur noch wenige erhalten. Digitales Vergessen ist auch ein Hackerproblem.

Und zum Schluss: Applaus! Applaus!

(Bild: heise online / Detlef Borchers)

Wenn man inhaltlich einen Schwerpunkt der SHA2017 sucht, dann sticht heraus, dass auch die Hacker sich nicht dem Geraune über Algorithmen entziehen können, die im Einsatz für Facebook oder Google MIMICS betreiben. Das ist ein neues Akronym, das Matthew Stender von Online Censorship vorstellte: Monitor, Index, Manipulate, Intercept, Censor, Silo ist eine treffende Kurzfassung für die Erziehungsarbeit der Social-Media-Konzerne.

Stenders Kollegin Jillian C. York verbreitete mit Should I stay (on Facebook) or should I go eine Art fröhlichen Pessimismus. Algorithmen sind scheinbar neutral, zwingen uns aber in die Knie, weil sie den Aufbau alternativer Plattformen behindern. Die geforderte vollständige Portabilität aller Daten von Facebook etwa nach Mastodon klingt hübsch, ist aber witzlos, wenn die die eigene In-Group nicht mitzieht.

Das aufmunternde Beispiel kam von der die Australierin Lindsey Jackson, die bei der dortigen #notbydebt-Kampagne aktiv ist. Sie zeigte, wie man Algorithmen widerstehen kann, auch wenn hinter ihnen eine angeblich hochkarätige künstliche Intelligenz steht. Die algorithmische Berechnung der Schulden von Sozialhilfeempfängern lieferte groteske Ergebnisse und führte dazu, dass sich die Betroffenen gegen die "Robotersteuer" wehrten.

Apropos künstliche Intelligenz: Nachdenkenswert war der Beitrag des EFF-Mitgliedes Peter Eckersley, der sich mit der Zukunft der künstlichen Intelligenz beschäftigt. Pessimismus ist dabei nicht unbedingt angesagt: Gelingt es, der kommenden generellen KI die Vorstellungen zu vermitteln, die zum Schutz der Privatsphäre gehören, wäre ein Weg gefunden, auf dem "Machines of loving grace" die Privatsphäre der Netz-Nutzer verteidigen. (Detlef Borchers) / (jk)

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