Hälfte der deutschen Haushalte könnte Gigabit-Internet haben

Der Breitband-Ausbau kommt laut einer Studie des VATM schneller voran. Insbesondere die Aufrüstung der Kabelnetze zeigt Effekte, aber die Nachfrage bleibt mau.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 801 Beiträge

Unter dem Pflaster vor dem Haus liegt oft schon Glasfaser, doch bei der Buchung zögert der Kunde.

(Bild: heise online/vbr)

Von

Mit 600.000 neuen Glasfaseranschlüssen und dem weiteren Gigabit-Ausbau von insgesamt 5,5 Millionen Kabelanschlüssen hat sich der Internet-Ausbau in Deutschland im ersten Halbjahr 2020 beschleunigt. Nach den Zahlen des Branchenverbandes VATM werden im Sommer 21,4 Millionen Haushalte Zugang zu schnellen Internet-Anschlüssen haben. Das sind ungefähr die Hälfte der Haushalte in Deutschland.

Der größte Anteil der neuen Gigabit-Anschlüsse gehen dabei auf das Konto der Kabel-Anbieter, die ihre bestehenden Koaxialnetze auf Docsis 3.1 aufrüsten und damit die Geschwindigkeit hochschrauben. "Die Kabler sind im Vorteil, da sie ein Netz haben, das ohne Tiefbauarbeiten ertüchtigt werden kann", erklärte Telekommunikationsexperte Torsten Gerpott, der die zweite Gigabit-Studie des Verbandes am Mittwoch vorstellte.

Die Kabel-Versorger kommen somit auf insgesamt 19,25 Millionen gigabitfähiger Anschlüsse. Einen direkten Glasfaser-Anschluss im Gebäude oder der Wohnung haben hingegen 4,75 Millionen Haushalte. Mit dem fortschreitenden Ausbau der beiden Techniken gibt es auch zunehmend Überscheidungen: So können 2,6 Millionen Haushalte zwischen Docsis 3.1 und Glasfaser wählen, wenn sie einen solchen Anschluss buchen wollen.

Dem Potenzial steht aber eine noch eher geringe Nachfrage gegenüber: Von circa 24 Millionen möglichen Anschlüssen dürften bis Juni 6 Millionen aktiviert werden, schätzt Gerpott. Das ist ein Plus von über einer Million im Vergleich zum Jahresende 2019. Der Anteil der tatsächlich gebuchten Anschlüsse sinkt damit von 27 auf 25,2 Prozent.

Die Corona-Krise hat auf den Ausbau unterschiedliche Effekte. So sei es punktuell zu Problemen gekommen, weil Bautrupps aus dem Ausland eingesetzt werden, wie VATM-Geschäftsführer Jürgen Grützner berichtete. Insgesamt bewertet er die Situation aber gut: So hätten die Länder Genehmigungsprozesse beschleunigt oder pragmatisch auf die derzeitigen Probleme reagiert, sodass die Anzahl der neu gebauten Anschlüsse erhöht werden konnte. Die gestiegene Nachfrage durch Homeoffice und Home-Schooling will der VATM in den kommenden Monaten analysieren.

Bis Jahresende erwartet Gerpott eine nochmalige Beschleunigung, sodass mit 700.000 bis 800.000 zusätzlichen FTTB- und FTTC-Anschlüssen gerechnet werden könne. Das reiche allerdings nicht aus, die von der Bundesregierung beabsichtigte flächendeckende Versorgung mit Gigabit-Anschlüssen bis 2025 zu erreichen. Denn wenn die Kabelanbieter die Umrüstung auf den neuen Docsis-Standard abgeschlossen haben, bleibe nur der deutlich langsamere Ausbau mit Glasfasern, der Tiefbau erfordere.

Immerhin: In den Breitband-Ausbau wird deutlich mehr Investoren-Geld gesteckt. Hier lobten die im VATM organisierten Konkurrenten auch die Deutsche Telekom. Der Konzern habe seine Investitionen in Glasfasern inzwischen deutlich erhöht. Grund dafür sei aber in erster Linie der Druck durch die Konkurrenz, wie VATM-Präsident Martin Witt betonte.

Die Telekom hat nach der Schätzung Gerpotts im ersten Halbjahr insgesamt 1,77 Millionen Haushalte mit Glasfasern versorgt, ein Plus von 170.000. Die Pickup-Rate ist bei dem Ausbau vorwiegend in Neubaugebieten jedoch vergleichsweise gering: 305.000 Haushalte haben laut VATM bis Ende Juni einen Gigabit-Anschluss bei der Telekom aktiviert.

Große Auswirkungen durch die Entscheidung der Bundesnetzagentur zum Vorrang bei der Inhausverkabelung für bestehende Vectoring-Verbindungen erwartet der VATM indes nicht. Hier gehe es um spezielle Fälle – zudem hätten es die Eigentümer der Immobilien in der Hand, sich für Glasfaser-Anschlüsse zu entscheiden, ohne dass eine Rückstufung zu befürchten sei.

Um die Nachfrage zu steigern, fordert der VATM eine Prämie für Haushalte, die Gigabit-Anschlüsse buchen wollen. Insbesondere der Glasfaser-Ausbau benötigt hohe Buchungsraten, damit sich das Verlegen der neuen Kabel rentiert. Auch müssen sich Haushalte daran gewöhnen mehr pro Monat zu zahlen als derzeit die billigsten DSL-Angebote kosten.

Grützner brachte deshalb eine Prämie von 500 Euro ins Gespräch, die die Haushalte in Anspruch nehmen könnten. Damit wäre der zusätzliche Kostenbedarf für die ersten beiden Jahre gedeckt. Die Provider hoffen darauf, dass Kunden, die einmal mit den neuen, schnellen Anschlüssen versorgt sind, nicht mehr zu geringeren Bandbreiten zurückkehren wollen.

Auch bei der Förderung sieht der VATM Handlungsbedarf. So sind neue Förderungen teilweise nicht möglich, wenn in den betreffenden Kommunen schon eine Internetanbindung von 100 MBit/s gewährleistet sei.

Der Verband habe der Bundesregierung entsprechende Vorschläge gemacht. Diese müsse aber nun ein schlüssiges Konzept in Brüssel vorlegen, damit die "100 MBit-Lücke" endlich geschlossen werden könne. (vbr)