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Update

Hängepartie um französisches AKW Fessenheim

Spielt EDF auf Zeit? Der Stromkonzern verzögert das Dekret, das die Abschaltung des Atomkraftwerks Fessenheim einleiten soll. Die Hängepartie um die in Deutschland heftig kritisierten Reaktoren geht weiter.

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In Fessenheim in der Nähe von Colmar und Freiburg steht das älteste Atomkraftwerk Frankreichs.

(Bild: dpa)

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Es bleibt ein unerfülltes Wahlversprechen: Frankreichs scheidender Präsident François Hollande kann die Schließung des Atomkraftwerks Fessenheim vor seinem Abtritt nicht mehr besiegeln. Vor allem in Deutschland löst das Enttäuschung aus, die Grünen sprechen von einem "Affront": Die beiden französischen Reaktoren direkt an der Grenze zu Baden-Württemberg gelten hierzulande vielen als Sicherheitsrisiko. Der Verwaltungsrat des Betreibers EDF gab nun zwar grundsätzlich grünes Licht für die Abschaltung, den nötigen Antrag will er aber erst später stellen.

[Update 7. April 2017, 9.43 Uhr: Frankreichs Umweltministerin Ségolène Royal will die Schließung des AKW dennoch in den kommenden Wochen besiegeln. Das Dekret werde noch vor der Wahl eines neuen Staatspräsidenten im Mai erlassen, sagte Royal am Freitag in einem Interview des französischen Radiosenders RTL. Das umstrittene Kraftwerk an der deutschen Grenze werde wie geplant 2018 geschlossen. Royal sagte, sie wolle den Grundsatzbeschluss von EDF als Antrag interpretieren. "Denn diese Entscheidung sagt ganz klar, dass das Kraftwerk von Fessenheim (...) schließen muss."]

Am Zeitplan ändert die Entscheidung erstmal nichts – sie zeigt aber, dass es heftige Widerstände gegen die Schließung gibt. Den ursprünglichen Plan, Fessenheim noch während Hollandes Amtszeit abzuschalten, hatte Paris schon über Bord geworfen. Die zwei Reaktoren am Rhein sollen abgeschaltet werden, wenn ein neuer Reaktor in Flamanville am Ärmelkanal ans Netz geht. Die Weigerung von EDF, schon jetzt einen Antrag zum Entzug der Betriebserlaubnis für Fessenheim zu stellen, überlässt die endgültige Entscheidung aber dem neuen Staatschef, der im Mai gewählt wird, und seiner Regierung.

Das befürchtet die deutsche Grünen-Politikerin Sylvia Kotting-Uhl – auch wenn die Pariser Umweltministerin beschwört, die Schließung sei jetzt "unumkehrbar". Der als Favorit gehandelte Sozialliberale Emmanuel Macron ist für die Abschaltung. Doch die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Konservative François Fillon sagen "Non". Frankreich habe sich im Pariser Klimaabkommen verpflichtet, weniger Treibhausgase auszustoßen, argumentierte Fillon am Donnerstag im Sender France Inter. "Um sie einzuhalten, muss als erstes die Entscheidung getroffen werden, Fessenheim nicht zu schließen."

Fessenheim ist das älteste französische Atomkraftwerk, das noch im Betrieb ist – es ging 1977 ans Netz. Aus Sicht von Umweltschützern ist die Anlage pannengefährdet und veraltet. Ein Reaktor ist bereits seit vergangenem Jahr vom Netz, weil Materialfehler an einem Dampferzeuger überprüft werden. Die deutschen Grünen bezeichnen das Kraftwerk als "Schrottreaktor".

Als realistischer Termin wird 2019 gehandelt. Ende 2018 soll der Europäische Druckwasserreaktor (EPR) in Flamanville endlich fertig sein – das Projekt hatte immer wieder mit Verzögerungen und Kostensteigerungen für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Und hinter dem Projekt steht noch ein großes Fragezeichen: Die Atomaufsicht prüft Materialprobleme am Reaktorbehälter. Solange sie kein grünes Licht gibt, kann es nicht losgehen – Entscheidung in den kommenden Monaten. Frühestens sechs Monate vor Inbetriebnahme des EPR will EDF dann den Fessenheim-Antrag stellen.

Frankreich hatte mit seinem Energiewende-Gesetz eine Obergrenze für Atomstrom gesetzt: Maximal 63,2 Gigawatt Leistung dürfen alle Meiler zusammen haben. Das bedeutet: Wenn der EPR mit seinen 1650 Megawatt ans Netz geht, muss anderswo der Stecker gezogen werden. Und EDF will das Limit auch ausschöpfen. Der Verwaltungsrat hat jetzt nochmal betont, dass Fessenheim nur dann abgeschaltet werden soll, wenn dies zur Einhaltung der Obergrenze notwendig ist. Noch ein Stolperstein.

Die Regierung hat sich mit EDF darauf verständigt, das Unternehmen für die Schließungskosten mit rund 490 Millionen Euro zu entschädigen. Hinzu kommt später noch eine variable Entschädigung, die den Verdienstausfall bis 2041 ausgleichen soll. Wie hoch sie ausfällt, hängt von der Entwicklung der Strompreise ab. Von dieser Zahlung könnte dann auch der baden-württembergische Energiekonzern EnBW profitieren, der mit 17,5 Prozent an den Baukosten des Kraftwerks beteiligt war und auch die Betriebskosten mitträgt.

Als Reaktion auf den Öl-Preis-Schock in den 1970er Jahren hatte Frankreich massiv auf die Atomkraft gesetzt, um seine Abhängigkeit vom Import fossiler Brennstoffe zu reduzieren. Drei Viertel des französischen Strombedarfs kommt heute aus Atommeilern. Zum Vergleich: in Deutschland sind noch acht Meiler in Betrieb, die Atomkraft steuert nur 13 Prozent zum Strommix bei. Auch Frankreich hat sich aber eine "Energiewende" verordnet und will den Atomanteil bis 2025 auf 50 Prozent drücken.

Sieben AKW sind noch in Deutschland in Betrieb (7 Bilder)

Seit März 1984 ist C des AKW im bayerischen Gundremmingen in Betrieb. Block A war von 1967 bis 1977 in Betrieb. Der 1984 ans Netz gegangene Block B wurde am 31. Dezember 2017 abgeschaltet, Block C – ebenfalls 1984 in Betrieb genommen – soll 2021 folgen. (Bild: kkw-gundremmingen.de)

(anw)