Hamburger Tagung zur Videoüberwachung

Zu einem zweitägigen Workshop über "Neue Formen der Videoüberwachung" trafen sich Kriminologen, Geographen, Ethnologen und Soziologen an der Hamburger Universität.

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Von
  • Detlef Borchers

Passend zum Thema meldete das Hamburger Abendblatt tags zuvor freudig, dass die Reeperbahn videoüberwacht wird, damit sich die Touristen sicher dem Tourismus mit einer überwachten Versteifung hingeben können. Die Kriminologen, Geographen, Ethnologen und Soziologen, die sich zu einem zweitägigen Workshop über Neue Formen der Videoüberwachung an der Hamburger Universität trafen, hatten dafür bestenfalls ein müdes Lächeln übrig. Allen Wissenschaftlern war die einschlägige Automatik geläufig, nach der installierte Kameras ein Gefühl der Sicherheit erzeugen, egal ob sie angeschlossen sind oder nicht.

Während sich im benachbarten Hamburger Kongresszentrum die Katastrophenspezialisten mit schmutzigen Bomben, Flutwellen und Stadtevakuierungen beschäftigten und das Massengetrampel Fussball-WM 2006 als harmlose Abwechslung werteten, debattierten die Wissenschaftler über die Mikrospuren, die Auswirkungen von elektronischen Fußfesseln, von biometrischen Kontrollsystemen und Videoüberwachung im Alltag hinterlassen. So zeigte der Ethnologe Sven Bergmann, wie mit Hilfe der elektronischen Fußfessel eine anti-nomadische Mobilität als Strafe in einer Gesellschaft inszeniert wird, die unentwegt mit Handy und Location Based Services das Glück der Digitalnomaden predigt. Beim hessischen Fußfesselprojekt, das niemals als Projekt abgeschlossen wurde, dennoch weiterläuft und in der Politik für so manche Aufregung sorgt, wird das Dilemma der Forscher deutlich: Ordentliche Voranalysen und Fallstudien werden von der Polizei oder Stadtverwaltung so gut wie niemals produziert. Eine einmal eingesetzte Technik bleibt installiert, weil Erfolg oder Misserfolg der Maßnahme nicht überprüfbar ist.

Unter den versammelten Vorträgen (PDF) bildete daher die Untersuchung der Videoüberwachung von Busspuren in London die große Ausnahme. Die im Auftrag der Londoner Transportbehörde durchgeführte empirische Studie zeigte, dass nicht die Zahl der Kameras, sondern Ort, Dauer und Zeit der Überwachung den Erfolg der Maßnahme ausmachen: Erst wenn klar ist, dass ein auf der Busspur parkendes Fahrzeug auch um fünf Uhr morgens einen Strafzettel bekommt, bleibt die Spur dauerhaft frei. Ganz nebenbei zeigte die Studie auch, wie Überwachung ausgedehnt werden kann: Nach den Falschparkern, die Busspuren blockieren, will man sich die Falschabbieger vornehmen.

Gleich mehrere Vorträge von Geographen und Soziologen beschäftigten sich damit, wie Orte sprachlich lange ausgegrenzt werden, bevor der Einsatz der Überwachungstechnik zur Lösung des "Problems" gefordert wird. Eine Innenstadt muss erst verwahrlost sein, ein Park von Gesindel und Dealern benutzt werden, bevor Licht und Überwachungskameras dem Bürger Sicherheit vermitteln können. Dennoch schwindet das Gefühl der Sicherheit, obwohl längst jeder Bürger mit dem Mobiltelefon seine persönliche Notrufsäule in der Tasche trägt. (Detlef Borchers) / (pen)