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Handy-Freaks sparen entweder Zeit oder schlagen sie tot

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Die weltweit führenden Handy-Hersteller erwarten künftig eine gespaltene Kundschaft. "Es wird zwei Arten von Handy-Nutzern geben: Zeit-Totschläger und Zeitsparer", sagt der Ericsson-Spitzenmanager Torbjörn Nilsson. Dieser Einsicht scheint sich keiner der großen Hersteller auf der Computermesse CeBIT in Hannover zu verschließen: An ihren Ständen stehen digitale Muskelpakete mit E-Mailfunktionen, Internetzugang und Farbbildschirmen neben Anwendungen, denen die Aufforderung "Spiele mit mir" deutlicher anzusehen ist als "Telefoniere mit mir".

Ericsson beispielsweise zeigt eine Aufsteckkamera für das Handy (siehe Bild), eine Idee, die Gameboy-Benutzern bekannt vorkommen dürfte – dort gehört ein Mini-Fotoapparat zu den beliebtesten Zusatzgeräten. Nokia protzt mit 169 verschiedenen Gehäusefarben und animierten Bildschirmschonern. Motorola bietet für die "Mikro-Langeweile" eine Handy-Version von "Wer wird Millionär".

Andererseits weisen die Flaggschiffe aller Hersteller schon in die Zukunft der Mobiltelefonie. "3G" heißt die Zauberformel der Branche, die 3. Generation der Funknetze im UMTS-Standard. Mobiles Internet und mobiler Handel sind die Schlagwörter, um die sich die Hoffnungen der Hersteller ranken. Schon 2003, so schätzt man bei Ericsson, werden mehr Menschen mobil ins Internet gehen als über den herkömmlichen Leitungsweg. Fast scheint es, als sei auf dem Weg dorthin nur noch die Frage der Marktführerschaft ungeklärt.

Dabei haben die Handyproduzenten Grund zur Sorge: Die schwache US-Konjunktur drückt den Absatz. Gewinnwarnungen und Entlassungen in den Unternehmen waren die Folge. Und vor G3 steht G2,5 – ein Synonym für mehrere schnelle Datenfunkverfahren, von denen die kürzlich eingeführten HSCSD und GPRS nur die ersten sind. Doch der letztjährige Milliardenpoker um die UMTS-Lizenzen hat die Übergangstechniken auf dem Weg zum mobilen Highspeed-Internet in den Hintergrund gedrängt. Zu Unrecht, wenn man den Handy-Herstellern glauben mag, denn sie schätzen übereinstimmend, dass UMTS erst im Jahr 2003 den Massenmarkt erreichen wird.

So versucht auf der CeBIT beispielsweise Motorola ausdrücklich, die Vorteile von GPRS wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. "Das ist eine Revolution für die mobile Kommunikation", meint Vizepräsident Mike Zafirovski. Als einziger Hersteller können die Amerikaner wie gemeldet gleich fünf GPRS-Geräte anbieten – mit dem ersten waren sie schon 2000 auf der CeBIT. Die Netzbetreiber tun das Ihre, um Werbung für G2,5 zu machen: E-Plus will Ende des Jahres i-Mode aus der japanischen Internetwelt nach Deutschland bringen. Der über GPRS erreichbare virtuelle Marktplatz bietet Handy-Nutzern eine Vielzahl von Möglichkeiten vom Bankgeschäft bis zum Online-Spiel.

Ob die bisherigen Angebote aber ausreichen, sowohl die Zeit-Totschläger als auch die Zeitsparer zu Investitionen in Hardware, sprich neue Handys, zu bewegen, ist unklar. Erschwerend kommt hinzu, dass die Netzbetreiber ihre Subventionen für Mobiltelefone reduzieren wollen, die Preise für den Endverbraucher also wohl steigen werden. Aber Bange machen gilt nicht, lautet die auch von Motorola-Chef Robert L. Growney verbreitete Botschaft an den Ständen der CeBIT: "Die Industrie steht an einem Scheideweg. Aber die Menschen haben das Bedürfnis, zu kommunizieren." (Justus Demmer, dpa)/ (dz)