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Harmloser Spaß oder Krankheit? WHO klassifiziert Computerspielsucht

Fast jeder zweite Deutsche spielt. Doch wenn das Gedaddel überhand nimmt, wird es problematisch. Gibt es die Krankheit Online-Spielsucht? Die WHO sagt ja.

Harmloser Spaß oder Krankheit? WHO klassifiziert “Online-Spielsucht”

Spiel mit Suchtfaktor: PUBG mobile.

(Bild: Screenshot)

Gegen die Kritik vieler Wissenschaftler hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wie angekündigt Computerspielsucht als eigenständige Krankheit eingestuft. In ihrem am Montag veröffentlichten Katalog der Krankheiten (ICD-11) steht exzessives On- und Offline-Spielen unter anderen Suchtkrankheiten wie Glücksspielsucht.

Die WHO beschreibt in dem Katalog nach ihren Angaben eindeutige Symptome, die Ärzten die Diagnose erleichtern sollen. Dazu gehört, dass ein Mensch alle anderen Aspekte des Lebens dem Spielen unterordnet und trotz negativer Konsequenzen weitermacht, und dies über einen Zeitraum von mehr als zwölf Monaten.

Der neue Katalog enthält mehr als 55.000 Klassifizierungscodes für Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen und soll damit auch weltweite Statistikerhebungen erleichtern. Er muss von der Weltgesundheitsversammlung im kommenden Jahr noch abgesegnet werden und gilt dann offiziell ab Januar 2022.

Ärzte schlagen Alarm, weil sie immer öfter spielsüchtige Patienten sehen, sagt die WHO. Andere Wissenschaftler sind skeptisch. Kritiker befürchten, dass Menschen, die viel online spielen, fälschlich als therapiebedürftig eingestuft werden könnten.

Wer beim Spielen schon mal etwas anderes habe schleifen lassen – Hausputz, Aufräumen oder andere lästige Arbeit –, müsse dringend zum Arzt, ätzte der Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt sarkastisch, als die Pläne der WHO vor einem Jahr ans Licht kamen. "Von Handy-Sucht bis Social-Media-Depression wäre vieles als eigenständige ‘Medien’-Krankheit denkbar. In der Folge wären zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene qua Definition von heute auf morgen therapiebedürftig."

Auch der Psychologe Andy Przybylski von der Universität Oxford warnte mit rund 30 Kollegen in einem offenen Brief vor dem WHO-Schritt. "Es besteht das Risiko, dass solche Diagnosen missbraucht werden", schrieben sie. Geprüft werden müsse, ob bei exzessiv spielenden Patienten nicht eher zugrundeliegende Probleme wie Depression oder soziale Angststörungen behandelt werden müssten.

"Wir finden es problematisch, wenn das Spielen pathologisiert und die Spieler stigmatisiert werden", sagt der Geschäftsführer des Verbands Game, Felix Falk. Der Verband deckt nach seinen Angaben mit rund 200 Mitgliedern wie Entwicklern und Grafikern mehr als 90 Prozent der deutschen Games-Branche ab. "Einige wenige Menschen spielen exzessiv und das ist problematisch", räumt er ein.

Nach einer Erhebung des Verbands spielen in Deutschland 34,1 Millionen Menschen Computer- und Videospiele, 46 Prozent der Bevölkerung. 14,3 Millionen seien unter 30 Jahre alt. Auf unter ein Prozent schätzt Falk den Anteil der Leute, die exzessiv spielen. (Christiane Oelrich, dpa) / (vbr)

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