Hauptamtliche Blogger, arrogante Medien und SMS als journalistische Kunstform

Online-News werden verstärkt von Amateuren gefüttert und erobern das Mobiltelefon, waren sich Experten auf dem Medienforum Berlin-Brandenburg am heutigen Mittwoch einig.

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  • Stefan Krempl

Online-News werden verstärkt von Amateuren gefüttert und erobern das Mobiltelefon, waren sich Experten auf dem Medienforum Berlin-Brandenburg am heutigen Mittwoch einig. Im Zentrum der Debatte stand die Frage, inwieweit die neuen Medien auch einen "neuen Journalismus" hervorbringen. Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft in Münster, legte die Thesen vor, dass der Journalismus sein klassisches "Gatekeeper-Monopol" verliere, sich die Zugangswege zur Öffentlichkeit vervielfacht hätten und die Medienkommunikation flexibler und mobiler werde. Gleichzeitig gibt es dem Journalistikforscher zufolge einen von Google News eingeleiteten Trend, dass "Technik menschliches Handeln ersetzt". Auswahl und Gewichtung der Nachrichten seien bei der algorithmisch bestimmten Zusammenstellung zwar noch nicht ausgereift. Trotzdem sei die Frage aufzuwerfen, ob durch das Angebot nicht die Markttransparenz steige und die Markentreue verloren gehe.

Den so genannten Bürgerjournalismus, bei dem Amateure die Nachrichtenproduktion selbst in die Hand nehmen, sahen die Praktiker mit gemischten Gefühlen. Nick Wrenn, Chefredakteur von CNN International, bezeichnete beispielsweise Blogger zwar prinzipiell als "Verbündete". Um so wichtiger werde aber die Aufgabe der professionellen Journalisten, das von den "Laien" gelieferte Material einzuordnen, zu interpretieren und auch entsprechend zu kennzeichnen. Eine Diskussion darüber, ob Massenmedien die von Amateuren etwa vom Tsunami in Südostasien, vom Hurrikan Katrina in den US-Südstaaten oder von den Terrorattentaten in London gemachten Aufnahmen in ihr Programm aufnehmen dürften, fand Netzeitung-Chef Michael Maier absurd. Weblogs sind für ihn schlicht "Informanten", auch wenn diese heutzutage "multimedialer" geworden seien.

Auch Erik Bettermann, dem Intendant der Deutschen Welle, ist es egal, ob ihn Zulieferungen per Telefon oder Weblog erreichen. Am Beispiel des Tsunamis Ende 2004 stellte er klar: "Durch unsere Blogger in Südindien und Thailand sind wir erst richtig über die Ausmaße der Katastrophe informiert worden, und dies weit vor anderen Hörfunk- und Fernsehprogrammen." Er lobte die Arbeit der "hauptamtlichen" Zulieferer, da sein Haus nun "bessere und mehr Recherchequellen" habe. Bezahlt würden die Blogger nach den gängigen Honorar-Richtlinien als "Freelancer". Einig waren sich die Vertreter der "großen" Medien aber auch, dass der von Neuberger beschriebene "Blogger-Hype" die Rolle des klassischen Journalisten verändert: Der Druck werde höher, betonte Maier, nicht mehr nur PR-Lieferungen, Agenturmeldungen und Blog-Feeds zusammenzustückeln und einen "lauwarmen Abklatsch" an überall verfügbaren Informationen zu liefern, sondern echte Recherche. "Einfach aufschreiben, was passiert, können Blogger eventuell besser machen", ging Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron mit seinem Konkurrenten konform. "Aber einordnen und kommentieren ist die Aufgabe für die Profis."

Eine engere Kooperation zwischen Massenmedien und der Blogger-"Community" ist laut Maier nicht zu erwarten. Viele Weblogger würden die klassischen Medien "nicht interessieren". Es gebe einen "Überdruss an der Arroganz der Medien", erläuterte der Netzeitung-Chefredakteur, weil es für viele Leute nicht einmal eine Möglichkeit gebe, dort eine Richtigstellung zu bekommen. Man müsse die Medienkritik der Blogger ernst nehmen. Laut Neuberger gibt es aber auch bereits eine "Blogger-Elite, die professionellen Individualjournalismus betreibt" und mit den Massenmedien konkurriere.

Neubergers Ansicht, dass das Internet erst mit der Zahlungsbereitschaft der Nutzer wirklich zu einem professionellen eigenständigen Journalismus finde, wollten die Chefs der Online-Magazine nicht folgen. "Ich werde einen Teufel tun, die Seite zu bepreisen", erwiderte von Blumencron. Die Werbeeinnahmen würden momentan "explodieren". Maier hält "das Zahlthema" ebenfalls "für durch". Eher könnte er sich vorstellen, dass der Bezug der eingeführten "Breaking News" per SMS einmal "etwas kostet". Da habe man "eine neue journalistische Kunstform" hervorgebracht, für die seine Redaktion auch erst "ein Gefühl entwickeln musste" in punkto Timing und Nachrichtenwert. Spiegel Online arbeitet dagegen laut von Blumencron "an eigenem mobilen Portal, das der User umsonst abrufen kann". (Stefan Krempl) / (anw)