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Herman Hollerith: Vater der Datenverarbeitung, Großvater der IBM

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Herman Hollerith kam an einem 29. Februar zur Welt. Er steht nur alle vier Jahre im Kalender, es erscheint dennoch angemessen, heute an ihn zu erinnern, denn seit jenem Datum sind 150 Jahre ins Land gegangen. Hollerith stammte aus Buffalo im US-Bundesstaat New York, einer Stadt am Ostufer des Eriesees, die damals rund 80.000 Einwohner zählte. Sein Vater Johann Georg war Immigrant aus der Pfalz. Hollerith besuchte das New Yorker City College und die Ingenieurschule der Columbia University, die er 1879 als Bergwerksingenieur verließ. Danach wirkte er als "special agent" bei der amerikanischen Volkszählung von 1880 mit, für die er einen Bericht (PDF-Datei) über die Energiequellen der Schwerindustrie erstellte. 1882 lehrte Hollerith ein Jahr lang am MIT, 1883 wechselte er ins US-Patentamt, ab 1884 war er freiberuflich tätig. Im gleichen Jahr reichte er seine erste Erfindung zur Datenspeicherung ein, die nach einigen Umarbeitungen zu den Lochkarten-Patenten Nr. 395,781 und 395,782 von 1889 führte.

Schon während der Volkszählung 1880 hatte Herman Hollerith die Probleme der Datenauswertung kennengelernt. Zur Bändigung der Papierflut gab es mechanische Hilfsgeräte, die sich Zensus-Leiter Charles W. Seaton ausgedacht hatte. Sie verhinderten aber nicht, dass die Resultate erst nach acht Jahren komplett vorlagen. Hollerith kannte außerdem die Lochkarten, mit denen Jacquard-Webstühle gesteuert wurden. Die entscheidende Idee soll ihm aber in der Eisenbahn gekommen sein, als der Schaffner den Teil der Fahrkarte lochte, der in Stichworten die Merkmale des Passagiers beschrieb.

Holleriths patentiertes System umfasste Stanzer, Leser mit Tabellierer und Sortierer. Der Stanzer prägt der Karte die Daten ein, die in Zahlenlisten oder Volkszählungsbögen vorliegen, der Leser gibt bei Abtastung der gelochten Karte über elektrische Kontakte Impulse an die Zählwerke des Tabellierers, und der Sortierer bildet nach bestimmten Kriterien Kartenstapel.

Nachdem Hollerith einen Prototyp seines Systems auf der Weltausstellung in Paris gezeigt hatte, brachte die US-amerikanische Volkszählung von 1890 den großen Durchbruch. Seine Maschinen und das fleißige Bedienpersonal legten schon nach drei Monaten die Einwohnerzahl vor und nach einem halben Jahr die restlichen Daten. Im Dezember halfen Hollerith-Maschinen bei der Volkszählung in Österreich-Ungarn.

In den 1890er-Jahren fanden weitere Volkszählungen statt, so in Kanada, Italien und Russland. Parallel dazu entwickelte Hollerith seine Maschinen weiter und schuf fast im Alleingang die neue Technik der maschinellen Datenverarbeitung, die sich langsam auch in der Industrie verbreitete. 1896 gründete er in Washington die Tabulating Machine Company, die seine Maschinen baute und vermietete. 1902 entstand eine englische Zweigfirma, 1910 eine deutsche.

1911 erwuchs ihm mit der Powers Accounting Machine Company ein ernstzunehmender Konkurrent, zugleich endete seine Unternehmenstätigkeit. Der Finanzmann Charles Flint fusionierte Holleriths Firma mit drei anderen zur Computing Tabulating Recording Corporation, kurz CRT, die 1924 in IBM umgetauft wurde. Herman Hollerith blieb Aktionär und technischer Berater der neuen Firma, zog sich aber mehr und mehr ins Privatleben zurück. Er starb nach kurzer Krankheit am 17. November 1929. Sein Grab befindet sich auf dem Oak-Hill-Friedhof in Georgetown, sein Nachlass liegt in der Kongressbibliothek.

In der Ahnenreihe des Computers bildet die von Hollerith seit den 1880er-Jahren geschaffene Datentechnik eine Linie parallel zur Hauptreihe von Charles Babbage, Alan Turing, Konrad Zuse und John von Neumann. Hollerith-Hardware ließ sich in beschränkter Weise mit austauschbaren Rahmen programmieren, in denen Kabel steckten. Diese legten etwa bei einem Tabellierer die Auswertung der Karteninhalte fest und konnten Summen- oder Produktbildungen veranlassen. Daneben ermöglichte die Lochkarte die Stapelverarbeitung und war bis tief in die 1970er Jahre hinein ein verbreitetes und nicht immer positives Symbol (PDF-Datei) der Computertechnik. In den 1930er-Jahren ging die Berliner IBM-Tochter Dehomag auf die Suche nach Hollerith-Verwandten und stellte zwei von ihnen ein, um den deutschen Charakter der Firma zu betonen. Heute zeichnen sich die Pfälzer Holleriths auf einem anderen Gebiet aus. (anw)

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