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"Hidden Figures": Die schwarzen Computer der NASA

Anfang der 1960er-Jahre scheint die Sowjetunion den Wettlauf ins All zu gewinnen. Helfen könnten der NASA mehrere talentierte Afroamerikanerinnen, die aber an der Rassentrennung zu scheitern drohen. Ihren mühsamen Kampf erzählt "Hidden Figures" im Kino.

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"Hidden Figures":

Die klügsten Köpfe der NASA lauschen ihrem "Computer".

(Bild: Fox)

"Das ist nun einmal der Stand der Dinge", bekommt die Afroamerikanerin Dorothy Vaughan in der Bibliothek zu hören, als sie in der Sektion für Weiße nach einem Buch sucht, das es in der für sie vorgesehenen nicht gibt. Wegen der Übertretung der Rassengrenze wird sie aus der Stadtbibliothek geschmissen. Das Buch über Fortran hat sie aber heimlich eingesteckt, immerhin habe auch sie es mit ihren Steuern bezahlt, erklärt sie ihren Söhnen. Damit kann sie sich daran machen, ihren Teil zur Raumfahrtgeschichte beizutragen.

Die Raumfahrt war lange Zeit eine Angelegenheit für Männer, weiße Männer. Abgesehen von wenigen Ausnahmen sind alle Gesichter, die vor allem vom Wettlauf ins All zwischen der USA und der Sowjetunion in Erinnerung geblieben sind, die von Männern (und einem Hund). Doch hinter den Kulissen erkämpften sich auch andere ihren Platz, darunter Frauen mit dunkler Hautfarbe – zu einer Zeit, in der in US-Staaten wie Virginia Schwarze nicht aus den Trinkwasserspendern der Weißen trinken durften.

"Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen" erzählt die Geschichte dreier Pionierinnen bei der NASA. Dorothy Vaughan (Octavia Spencer), Mary Jackson (Janelle Monáe) und Katherine Coleman – später Johnson – (Taraji P. Henson) leisten als sogenannte Computer Hilfsarbeiten bei der US-Weltraumagentur, die angesichts immer neuer Etappensiege der Sowjetunion den Anschluss zu verlieren droht. Im Akkord rechnen sie für die Ingenieure und fühlen sich zu Höherem berufen. So tragen sie nicht nur ihren Teil zur Geschichte der US-Bürgerrechtsbewegung bei, sondern helfen auch der NASA auf dem Weg zum Mond.

"Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen" (11 Bilder)

Dorothy Vaughan (Octavia Spencer), Katherine Goble Johnson (Taraji Henson) und Mary Jackson (Janelle Monáe) (v.l.n.r.)
(Bild: Fox)

Als herausragende Mathematikerin wird Coleman in die Space Task Group berufen, die den ersten bemannten Raumflug der USA vorbereitet. Nur wenige ihrer Vorgängerinnen hielten es dort bei Al Harrison (Kevin Costner) mehr als ein paar Tage durch. Derweil hat die NASA für die komplizierte Berechnung des ersten bemannten Weltraumflugs – von John Glenn (Glenn Powell) – einen IBM 7090 bestellt. Vaughan erkennt die Gefahr für die menschlichen Computer und will als Programmiererin unverzichtbar werden. Gleichzeitig fordert sie angesichts ihrer Verantwortung für Dutzende Kolleginnen, endlich als Supervisor anerkannt zu werden – trotz ihrer Hautfarbe. Die behindert auch Jackson, die ein Angebot hat, zu den Ingenieuren zu wechseln. Dafür braucht sie aber neuerdings ein Studium, das in Virginia nur Weiße absolvieren dürfen.

"Immer wenn wir überholen könnten, verschieben sie die Ziellinie", bringt Jackson das frustrierende Leben in der Rassentrennung auf den Punkt, als die neuen Regeln ihren Aufstieg zu verhindern drohen. Alle drei werden immer wieder daran erinnert, dass sie sich doppelt anstrengen und bessere Ergebnisse bringen müssen als ihre weißen Kollegen und trotzdem scheitern. Nur mit viel Geduld können sie auf unterschiedlichen Wegen die Ungerechtigkeiten zurückdrängen. Ganz aus eigener Kraft schafft es aber keine, denn immer müssen andere den Nachteil der Ungleichbehandlung oder zumindest die Geschichtsträchtigkeit von deren Abschaffung erkennen, um zu helfen.

In mitreißender Weise erzählt "Hidden Figures" zwar vor allem die Geschichte der drei NASA-Angestellten, zeigt aber auch eine Zeit, in der die Rassentrennung von den Menschen aufrecht erhalten wird. Die weißen Kollegen sind überzeugt, nichts gegen die Schwarzen zu haben, behindern sie aber wo es nur geht. Dahinter steckt weniger böser Wille als schlichte Unkenntnis, wie vor allem Kevin Costner glaubhaft darstellt. Nur Jim Parsons spielt lediglich den Sheldon aus "The Big Bang Theory" und wirkt bis kurz vor Schluss einfach nur missgünstig. Schließlich trägt die tolle Musik ihren Teil dazu bei, die fast unglaubliche Geschichte bis zum bekannten Ende spannend zu erzählen.

Während Trump, Le Pen, Höcke und Co. das Ausgrenzen wieder kultivieren, zeigt "Hidden Figures" welche Konsequenzen es hatte und wieder haben würde. Deutlich wird, welche Widerstände Menschen wie Coleman, Vaughan und Jackson überwinden mussten, bevor sie ihr Potenzial entfalten konnten. So muss Coleman wochenlang eine Meile zur Toilette für Farbige laufen, bevor ihr Chef – verärgert über die Zeitverschwendung – die nach Hautfarbe getrennten Toiletten abschafft. Wie viele Talente gingen dem selbsternannten "Land of the Free" verloren, weil sie an solchen Hindernissen scheiterten und verschlossene Türen nicht geöffnet wurden?

Einige Ausschnitte aus "Hidden Figures"

In den Vereinigten Staaten ist der Film bereits ein Riesenerfolg, nachdem schon das zugrundeliegende Buch ein Kassenschlager und Kritikerliebling war. Nach dem landesweiten Kinostart setzte sich "Hidden Figures" Anfang des Jahres an die Spitze der Charts und verdrängte "Rogue One – A Star Wars Story" auf Platz zwei. Insgesamt wurden bereits mehr als 100 Millionen US-Dollar eingespielt. Ab dem 2. Februar wird der Film nun auch in deutschen Kinos gezeigt. (mho)

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