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Hinter den Kulissen: Age of Empires 2 Definitive Edition – wie ein Klassiker auf 120 GByte schwoll

Microsoft legt mit Age of Empires 2 eines der besten Echtzeitstrategiespiele als Definitive Edition neu auf. Die Herausforderungen waren gewaltig.

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Chefentwickler Beeckman über die Sanierung des Strategieklassikers Age of Empires 2: Eine große Herausforderung bei Grafik, Performance und Spielgefühl.

(Bild: heise online)

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Schon zum zweiten Male brezelt Microsoft den Echtzeitstrategie-Klassiker Age of Empires 2 auf. Im Unterschied zur 2013 erschienen HD-Edition soll die Definitive Edition nun definitv die schönste, schickste und am cleversten modernisierte Fassung werden. heise online hatte auf der Gamescom die Gelegenheit, mit zwei Entwicklern zu sprechen – mit Bert Beeckman, dem Mitgründer des sanierenden Studios "Forgotten Empires", sowie mit Vitalis Eirich, Composer und Sound Designer.

Im Gespräch wurde schnell klar: trivial war die Restaurierung des Spiels für Forgotten Empires nicht. Das mehr als zwei Jahre dauernde Projekt musste einerseits den strengen Auflagen Microsofts genügen, was viel Abstimmungsaufwand bedeutete und somit wertvolle Zeit kostete. Andererseits galt es, das Spiel so zu modernisieren, dass das originale Gameplay und das "Gefühl" des Klassikers aus dem Jahre 1999 erhalten bleiben. Zudem mussten moderne Funktionen wie echter 4K-Support, zusätzliche Effekte, qualitativ gute Sounduntermalung und eine überarbeitete Bedienoberfläche fein inandergreifen. Die Definitive Edition sollte sich für Kenner der Originalversion wie eben jene anfühlen und die Fan-Community überzeugen, gleichzeitig einladend für neue Spieler wirken.

Age of Empires 2: Definitive Edition: Entwickler im Interview (Video: Michael Wieczorek)

Die Basis war die Originalversion von Age of Empires 2, die – alte Hasen erinnern sich noch – auf eine CD passte. Das waren früher gebräuchliche Datenträger, die üblicherweise bis zu 700 MByte fassten. Die Engine von Age of Empires 2 basiert auf zweidimensionalen Grafiken – die Animation von Einheiten geschieht durch 2D-Bildchen, sogenannten Sprites, wobei jede Einheit perspektiven- beziehungsweise richtungsabhängig durch unterschiedliche Sprites dargestellt wird.

Damit das Spiel in besonders hohen Auflösungen wie 4K weiterhin scharf und detailreich aussieht, mussten die Entwickler zunächst die zweidimensionalen Grafiken sorgsam anpassen, also deren Detailgrad und somit auch deren Größe erhöhen. Da Age of Empires 2 aus sehr sehr vielen Einzelgrafiken besteht, wuchs schließlich der Platzbedarf für die Definitive Edition explosionsartig. Nachdem die Entwickler alle relevanten Grafiken anpassten, brachte das ursprünglich 700 MByte große Spiel plötzlich 120 GByte auf die Waage.

Die Chef-Sanierer von Forgotten Empires mussten also auf intelligente Kompressionsalgorithmen zurückgreifen, die die jeweiligen Grafiken nicht unschärfer erscheinen lassen, den Platzbedarf dennoch signifikant drücken. Klingt kompliziert, ist es auch. Noch immer – rund drei Monate vor der Veröffentlichung – feilen die Entwickler an der Spielgröße herum. Beeckman zufolge befinde man sich derzeit bei ungefähr 60 GByte – wie groß das fertige Spiel am Ende sein wird, verschwimmt derzeit noch im Nebel des Krieges.

Age of Empires 2 Definitive Edition (10 Bilder)

Ab 14. November können Taktik-Fans die Age of Empire 2 Definitive Edition in 4K spielen.
(Bild:
Xbox Game Studios)

In Zeiten von Terabyte-großen SSDs ist die Spielgröße für viele gar nicht mehr so entscheidend. Hauptsache, die Performance stimmt. Und genau hier hapert es bei der Definitve Edition von Age of Empires 2. Zoomt man den Bildausschnitt nah heran, lässt er sich ruckelfrei, ja schon geschmeidig, verschieben. Zoomt man dagegen weit heraus, stottert das Verschieben des Bildausschnittes unangenehm – trotz leistungsfähiger Hardware im Demosystem. Dieses Problem hatte bereits die im Februar 2018 veröffentlichte Definitive Edition von Age of Empires 1 – wer also glaubt, die Performance wird diesmal spürbar besser, der irrt.

Darauf angesprochen, verwies Chefentwickler Beeckman auf die Engine. Age of Empires Definitive Edition setze immer noch auf die Originalengine auf – die Hardware selbst sei quasi egal, der erhöhte Verarbeitungsaufwand der höher aufgelösten und mit mehr Perspektivstufen versehenen Sprites (32 statt 16) zwingt auch aktuelle Hardware in die Knie. Auf unsere Frage, ob auch die über Jahre stagnierende 2D-Performance von Grafikkarten ein Bremsfaktor sei, reagierte Beeckman zustimmend; dies sei denkbar. Besonders AMD und Nvidia haben über die letzten Dekaden hauptsächlich die 3D-Performance deutlich verbessert, der für die üblichen Aufgaben ausreichende 2D-Performance wurde keine Bedeutung beigemessen.

Immerhin: Sofern man den Bildschirmausschnitt im höchsten Zoom-Modus nicht verschiebt, läuft das Spiel flüssig – inwiefern das für eine Definitve Edition ausreicht, hängt also von der Anspruchshaltung der jeweiligen Spieler ab. Neue Effekte, die das Entwicklerteam über die GPU hinzugefügt hat, liefen dagegen ruckelfrei; der Flaschenhals ist lediglich die 2D-Engine.

Doch tatsächlich ist Grafik allein nicht alles – auch das Sound-Design muss stimmen. So haben die Entwickler von Forgotten Empires nicht nur den Soundtrack komplett überarbeitet, sondern auch zahlreiche Einzeleffekte. Vitalis Eirich ist einer der freien Soundkünstler und arbeitet schon seit vielen Jahren als Freelancer an Age-of-Empires-Spielen. Eirich schraubte etwa an den Klangrhythmen, die bei der Auswahl der Völker ertönen. Er nutzte die vorhandenen Melodien, ersetzte die Samples mit neuen Versionen und komponierte neu, um jene Melodien zu verlängern.

Selbst die kleinsten Klänge wurden überarbeitet: So beschäftigten sich Sound Designer etwa speziell mit dem Holzhackgeräusch – dieses "hack hack" sollte markant und erkennbar wirken, qualitativ das Original aber weit übertreffen. Am Ende musste Microsoft selbst die Sounds abnehmen, was offenbar kein Selbstläufer war – kein Wunder, schließlich doktorten die Entwickler an einem der besten Echtzeit-Strategiespiele der PC-Gaming-Geschichte herum.



Mehr als bloße Änderungen haben die Entwickler beim Multiplayer-Modus vorgenommen – so wurde die alte Technik komplett mit neuem Code ersetzt. Dieser kommt vom noch nicht veröffentlichten Age of Empires 4, das derzeit von Relic entwickelt wird. Das Multiplayer-System läuft nun serverbasiert, nicht mehr Peer-to-Peer. Spieler werden nun automatisch mit dem nächsten Microsoft-Server verbunden, der alle Multiplayer-Daten koordiniert und synchronisiert. Im Unterschied zum bisherigen Multiplayer-System läuft das Spiel also nicht mehr so zäh wie beim langsamsten Nutzer. Außerdem soll die neue Mehrspieler-Technik Verbindungsabbrüche und Synchronisierungsprobleme eindämmen. Ein LAN-Modus im übrigens auch wieder dabei – dieser fehlte bei der HD-Version, was zahlreiche Spieler verärgerte.

Kaum angefasst haben die Entwickler dagegen das Wegfindungssystem von Einheiten – schließlich mache dieses System gerade den Charakter von Age of Empires 2 aus. Folglich bleibt es dabei, dass Einheiten andere Einheiten blockieren – so muss man etwa Pikeniere um Elefanten herumnavigieren oder umgekehrt. Der Spieler muss also weiterhin manuell eingreifen – ganz im Unterschied zu modernen Spielen wie Starcraft 2, bei denen Einheiten anderen automatisch Platz machen.

Wer die Definitive Edition von Age of Empires 2 auf der diesjährigen Gamescom anspielt, merkt schnell: Sie ist mehr als ein Quick-n-Dirty-Remaster; vielmehr eine nicht ganz so perfekte Hommage an eine vergangene Ära genialer Echtzeitstrategiespiele, die so wahrscheinlich nie zurückkommen wird. Gleichsam allerdings eine Einladung an alte Echtzeitstrategen und neue Spieler, die man am 14. November als PC-Spieler wohl schwerlich ausschlagen kann.

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In Halle 10 können wie immer Retroklassiker wie Daytona USA gespielt werden.
(Bild: heise online / wie)

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(mfi)