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Hintergrund: Brüche in der deutschen Erfolgsgeschichte Intershop

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Die Erfolgsgeschichte Intershops war fast zu schön, um wahr zu sein: Von einem der ersten Kaufhäuser im Web entwickelte sich das Jenaer Vorzeigeunternehmen mit seinem längst von Talkshow zu Talkshow reisenden Geschäftsführer Stephan Schambach während der vergangenen sechs Jahre zu einem internationalen E-Business-Konzern mit rund 1000 Mitarbeitern und dem "Headquarter" in San Francisco, am Rande des Silicon Valley. In ihrer Heimatstadt Jena haben die Intershopler in den vergangenen zwei Jahren einen ungeahnten Gründerboom angefacht und sind gerade in das markanteste Hochhaus der Saalestadt gezogen, den 29 Stockwerke hohen ehemaligen Uniturm, der im Volksmund nur als "Keksrolle" bekannt ist. Doch inzwischen trifft die "Dot.com-Bombe" mit etwas Verspätung auch den viel gelobten Anbieter von E-Business-Systemen hart: Die Umsatzzahlen schrumpfen und die Aktienkurse fallen und fallen – am heutigen Börsentag mittlerweile um gut 64 Prozent.

Noch im Oktober hatte das Intershop-Management auf ihrer Entwickler- und Partnerkonferenz in New York Optimismus zu verbreiten versucht: Wir sind zwar ein Unternehmen der New Economy, doch unsere Kunden finden sich in der finanzstärkeren Old Economy, hieß die Losung. Eine neue Version der Verkaufssoftware Enfinity sollte weiterhin für Wachstum, Umsatzzahlen und mittelfristig auch Jahresgewinne sorgen.

"Wir sind gerade erst am Anfang, wo es richtig losgeht", verkündete Bernhard Marbach, Präsident Europa und Asien bei Intershop, ganz in diesem Sinne vor kurzem noch. Es sei doch zu erleben, dass die Unternehmenstanker gerade in den elektronischen Handel voll einsteigen würden. Als Beispiel nannte Marbach die Otto-Gruppe, mit der "wir die Vereinbarung getroffen haben, dass sie für ihre Shops in Deutschland, Frankreich oder in den USA unsere Software einsetzen."

Doch die Rechnung scheint nicht aufzugehen: Mit einem prognostizierten Umsatz zwischen 28 und 30 Millionen Euro im vierten Quartal bleibt das am Frankfurter Neuen Markt und der New Yorker Nasdaq gelistete Softwarehaus weit hinter den selbst gesteckten Erwartungen zurück. Die Schuld schob Finanzchef Wilfried Beeck vor allem auf das schlechte USA-Geschäft. Das dürfte in nächster Zeit auch nicht an Fahrt gewinnen, da sich die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten allgemein in einer Abkühlungsphase befindet und Unternehmen ihre Ausgaben für Informationstechnik allgemein zurückfahren.

Intershop wird von den Sparmaßnahmen insofern besonders betroffen sein, als das Unternehmen jenseits des Atlantiks kürzlich zu einer Verkaufsoffensive ausholte und seine Wachstumsprognosen weitgehend auf steigende Investitionen von US-Firmen ins E-Geschäft aufbaute. Doch auch die von Beeck geäußerte Hoffnung, dass sich wenigstens der europäische Markt als stabil erweisen würde, könnte zerrinnen: Einer Umfrage der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter in 400 europäischen Konzernen zufolge will jede dritte Firma die Investitionen in E-Business-Lösungen 2001 nicht erhöhen. Das sind doppelt so viele wie noch vor sechs Monaten. Mit einem Plus hinter den Ertragszahlen dürfte es daher auch im Jahr 2001 bei Intershop nichts werden.

Ein schwacher Trost mag es angesichts dieser wenig erfreulichen Prognosen für Intershop sein, dass auch den ganz Großen der Branche – im Softwarebereich vor allem Microsoft, Oracle und SAP – ein stürmischer Wind im neuen Jahr um die Nase wehen wird. Wenig nützen dürften den Jenaern angesichts der allgemeinen Stimmung in der neuen wie der alten Ökonomie auch die vor kurzem veröffentlichten Ergebnisse eines Benchmarking-Tests der neuen Enfinity-Version, die der Softwarelösung für Großunternehmen "hervorragende Leistungsfähigkeit und Skalierbarkeit" bescheinigten. Bei dem Härtetest, der im Labor von Sun Microsystems in Langen durchgeführt wurde, verarbeitete Enfinity 2 mehr als 50 Millionen Anfragen und 800.000 Aufträge pro Tag. Zum Vergleich: Nach Auskunft von Media Metrix wurde die Site von Amazon.com in der ersten Woche der Weihnachts-Shoppingsaison 2000 täglich von 1,6 Millionen unterschiedlichen Surfern besucht. (Stefan Krempl) / (jk)