Hintergrund: Microsoft mit Schlagseite

Angeschlagen vom Kartellprozess, gebeutelt von Hackerangriffen und mitgezogen vom generellen Abwärtstrend der PC-Branche fängt der Redmonder Software-Riese nun an, hektisch zu rudern.

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Von
  • Peter Siering

Angeschlagen vom Kartellprozess, gebeutelt von Crackerangriffen und mitgezogen vom generellen Abwärtstrend der PC-Branche fängt der Redmonder Software-Riese nun an, hektisch zu rudern. Denn die Zeichen stehen auf Sturm: Erstmalig seit zehn Jahren und das zweite Mal in der Firmengeschichte überhaupt hat Microsoft für das aktuelle Quartal eine Gewinnwarnung aussprechen müssen. Die PC-Verkäufe im sonst üppigen Weihnachtsgeschäft stagnieren weltweit, und damit hört die beste Einnahmequelle auf, so zu sprudeln, wie es die Mannschaft von Bill Gates gewöhnt ist. Fast ein Drittel seiner Umsätze erzielt Microsoft schließlich damit, dass Hersteller ihren PCs Windows und andere Microsoft-Produkte beilegen.

Hinzu kommt, dass auch aus den anderen Quellen nur Rinnsale sickern: Die Verkäufe von Office 2000 und die von Windows 2000 bleiben offenbar hinter den Erwartungen zurück. Nach Analysten-Meinung bietet das neue Office zu wenig und verkauft sich als Update daher mäßig. Lediglich bei PC-Updates spiele es eine Rolle, doch die blieben derzeit aus. Auch die Akzeptanz von Windows 2000 bei Firmenkunden lässt zu wünschen übrig. Gegenüber den hoch gesteckten Erwartungen (die Gartner Group bezifferte die Umstiegsquote in Firmen vor der Markteinführung auf bis zu 20 Prozent) bleibt das Produkt zurück – gerade einmal die Hälfte der geschätzten Firmenumsteiger haben sich gefunden.

So nimmt es kaum Wunder, dass Steve Ballmer als Microsoft-Chef nach Wegen sucht, Microsoft aus der Misere herauszuführen. Und das passiert gleich an mehreren Fronten: In einem Memo verordnete er der Firma einen Sparkurs mit Siebenpunkteprogramm. Die Pläne für freie Stellen sollen überarbeitet und für wertvolle Mitarbeiter das Grundsalär angehoben werden, um die Wertminderung der Aktienoptionen aufzuwiegen. Entlassungen – von denen hier und da schon zu hören war – soll es aber nicht geben.

Auch andere Maßnahmen, die der Software-Riese in der jüngsten Vergangenheit ergriffen hat, deuten an, dass er einzelne Produkte kräftigen will. Die Ankündigung etwa, Firmen und andere Großkunden Mitte 2001 nicht mehr mit verbilligten Lizenzen von Windows 9x/ME zu versorgen, dürfte zum Ziel haben, Windows 2000 Flügel zu verleihen. Darüber hinaus scheint der Software-Riese aber auch an einer Tendenzänderung interessiert: Richard Roy, der aus der deutschen Niederlassung kommend ab Mitte 2001 das weltweite OEM-Geschäft von Joachim Kempin übernimmt, ist nicht mehr direkt Ballmer unterstellt.

Schon munkelt man, dass dahinter eine Abwertung eines der wichtigsten Standbeine Microsofts steckt. Letztlich kommt das einer Aufwertung der Fernziele Redmonds gleich: also der Verschmelzung von Windows-PC und Appliances in der .NET-Strategie. Die von Kempin schon Ende 1998 angeregte jährliche Gebühr dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein, Vorstellungen über geänderte Lizenzmodelle kursieren schon einige Zeit. Erste Anläufe Microsofts, in das Geschäft der Application Service Provider einzusteigen, wurden ebenfalls schon publik.

Nahezu einig scheint sich die Branche darüber, dass Microsoft schon neue Ideen bringen muss, um weiterhin eine so beachtliche Firmenentwicklung wie bisher hinzulegen. Mit Updates der bestehenden Produkte dürften die Redmonder keine solchen Wunder mehr vollbringen können. Und, egal wie gut das dem Software-Riesen gelingt, bleibt eine Unbekannte: Noch ist der Kartellprozess nicht ausgestanden. Auch wenn mit Bush der wohl Microsoft freundlichere Kandidat aus der Wahl zum US-Präsidenten als Sieger hervorgegangen ist – die bis dato ergangenen Richtersprüche kann auch er nicht umkehren. (ps)