Hintergrund: Microsoft und AOL stecken die Köpfe zusammen

Der Softwarekonzern bezahlt den Vergleich zwar mit viel Geld, doch erscheint das gegenüber den Reserven nicht sonderlich erheblich -- und die Redmonder erkaufen sich strategische Vorteile gegenüber der sonstigen Konkurrenz.

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Nach dem außergerichtlichen Vergleich zwischen Microsoft und AOL Time Warner sieht es so aus, als hätten die beiden Konzerne das Kriegsbeil begraben. Microsoft hat 46 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln, sodass der Vergleichsbetrag von 750 Millionen US-Dollar völlig problemlos ist. Für die Redmonder bedeutet die von dem Firmengründer Bill Gates initiierte gütliche Lösung dafür das Ende eines Rechtsstreits, der potenziell Milliarden hätte kosten können, der aber nun Microsoft wohl gut in die Strategie passen wird: Das Unternehmen gewinnt durch die geplante Kooperation erheblich mehr Einfluss auf den zukünftigen Vertrieb von Musik und Videos über das Internet.

Der Vergleich bringt für den massiv verschuldeten Konzern AOL Time Warner dagegen zunächst eine hochwillkommene Geldspritze. Konzernchef Richard Parsons hat sich zum Ziel gesetzt, die Schulden von mehr als 26 Milliarden auf 20 Milliarden US-Dollar zu reduzieren. Er plant bereits den Verkauf mehrerer Geschäftsbereiche. "Zwar werden unsere Gesellschaften weiterhin konkurrieren, doch bin ich erfreut, dass wir den bisherigen Disput beilegen konnten", erklärt Gates. Parsons hob die Möglichkeit "einer produktiveren Beziehung" zu Microsoft hervor. Die digitalen Medieninitiativen werden nach seinen Angaben den Konsumenten zu Gute kommen. Er lud auch die anderen Medien- und Unterhaltungsfirmen ein, den Vertrieb digitaler Inhalte an die Verbraucher zu forcieren und gleichzeitig den Urheberrechtsschutz zu achten.

Die Zusammenarbeit des Online-Riesen mit RealNetworks werde von den Vereinbarungen nicht berührt, meint Parsons. Mit Microsoft werde man hauptsächlich an Techniken zur Vermeidung von Raubkopien arbeiten. Experten wollen daran nicht so recht glauben, zumal AOL in jüngster Zeit Bestrebungen gezeigt hat, sich von RealNetworks zu lösen. Statt des Real-Players könnte künftig der Mediaplayer aus Redmond zum Zuge kommen. Nichts läge näher, wenn AOL und Microsoft bereits gemeinsam am Digital Rights Management forschen.

Was die Internet-Gemeinde bestimmt ebenso beschäftigt, sind Spekulationen rund um die kostenlose siebenjährige Lizenz, die Microsoft AOL auf seine Browser-Technologie gewährt. Marktforscher meinten auch sogleich, nachdem der Vergleich bekannt geworden war, dies sei das Ende von Netscape. AOL werde auf absehbare Zeit in seiner Zugangssoftware weiter auf den Internet Explorer setzen. Für Richard Parsons gibt es keinen Grund, auf die Microsoft-Software zu verzichten, denn sie funktioniert nach seiner Meinung gut, wird er in Medienberichten zitiert.

AOLs Erwerbung Netscape aus dem Jahre 1998 wirkte zuletzt wie eine Fehlinvestition, zumal der ehemalige Marktführer auf dem Web-Browsermarkt nun nur noch eine Randerscheinung darstellt und sich AOL auch nicht sonderlich um dessen Weiterentwicklung bemüht hat. AOL hat es nach Meinung der Marktbeobachter nicht geschafft, Profit aus der Firmentochter zu schöpfen. Wie es scheint, hat sie sich aber für die Klage gegen Microsoft als probates Druckmittel erwiesen. Der Internet Explorer verlöre erheblich an Popularität, wenn die 30 Millionen AOL-Mitglieder mit einem anderen Browser im Internet unterwegs sein würden. Eine Reaktion des Mozilla-Projekts auf die neue Situation steht noch aus: Die Open-Source-Websuite, ursprünglich aus dem freigegebenen Netscape-Quellcode entstanden, stellt mittlerweile die Basis für die neueren Netscape-Versionen dar sowie die Browser-Techniken in der Compuserve-Software und dem AOL-Client für Mac OS X.

AOL hatte die Klage im Januar 2002 für ihre Tochterfirma Netscape Communications eingereicht. AOL hatte Schadenersatz verlangt, weil Microsoft den einst dominierenden Navigator mit unzulässigen Methoden weitgehend außer Gefecht gesetzt hatte. Microsoft hat inzwischen mit seinem Internet-Explorer-Browser schätzungsweise um 90 Prozent Marktanteil.

Die Netscape-Klage hatte Aussichten auf einen Erfolg, da Microsoft in einer vorherigen Klage der Regierung schwerwiegende Kartellrechtsverstöße bescheinigt worden waren. Dabei war Netscape als Paradebeispiel für die unzulässigen Wettbewerbsmethoden von Microsoft aufgeführt worden. Es laufen noch weitere Klagen gegen Microsoft, darunter eine Klage des Computerherstellers Sun Microsystems. Die europäischen Kartellrechtshüter untersuchen Microsoft ebenfalls. (anw)