Menü
Technology Review

Hirnscans sollen Mordverdächtigen entlasten

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 127 Beiträge

Zum ersten Mal sind Hirnscans in einem Mordprozess als Beweismittel akzeptiert worden. Das berichtet das Wissenschaftsmagazin Science. Demnach wollte die Verteidigung eines Mannes, der die Vergewaltigung und Tötung eines Mädchens zugegeben hat, mit Hilfe der Hirnscans beweisen, dass der Mann nicht aus freiem Willen gehandelt habe. Trotz der vorgelegten Scans, die eine abnorme Veränderung des Gehirns des Angeklagten zeigen sollen, hielten die Geschworenen jedoch an der Forderung der Todesstrafe fest. Die Verteidigung will nun in Revision gehen.

Im Juni 2008 hatte ein Gericht im indischen Bundesstaat Maharashtra der „New York Times“ zufolge erstmals eine Verdächtige aufgrund elektrischer Hirnwellenmessungen (EEG) als Mörderin verurteilt. Die Hirnwellen sollen auffällige Aktivität gezeigt haben, als die Angeklagte mit Details des Verbrechens konfrontiert wurde. Entwickelt wurde das Verfahren („Brain Electrical Oscillations Signature Test“) von Champadi Raman Mukundan, Leiter der Abteilung für Psychologie am National Institute of Mental Health and Neuro Sciences in Bangalore. Die Methode wurde allerdings in keinem Fachjournal veröffentlicht, und keine unabhängige Arbeitsgruppe hat sie bislang reproduzieren können.

Funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRI) misst nicht die Hirnaktivität selbst, sondern geht einen Umweg: Sie erfasst das Verhältnis von sauerstoffreichem und -armem Blut. Regionen, in denen das Hirngewebe viel arbeitet, verbrauchen mehr Sauerstoff. Diese Aktivität wird farblich in Hirn-Schnittbildern dargestellt. Die Methode liefert allerdings lediglich Bilder der Aktivität von Hirnregionen – die Aktivität einzelner Neuronen kann sie nicht abbilden. Außerdem gibt es immer einen gewissen Zeitverzug, sodass die Dynamik des Denkens nur begrenzt zu erfassen ist.

Seit knapp zehn Jahren nutzen Forscher diese Technologie jedoch, um ihr Wissen über Denkvorgänge immer weiter zu verfeinern. Zunächst machten sie nur einzelne Hirnregionen aus, die beim Sprechen, Rechnen, Bewegen, Denken oder Fühlen aktiv werden. Doch bald begannen sie, auch Aktivitätsmuster von individuellen Wahrnehmungen zu identifizieren. John-Dylan Haynes vom Bernstein Centre for Computational Neuroscience in Berlin etwa sorgte im Februar 2007 für internationales Aufsehen: Er ließ seine Versuchspersonen unter fMRI-Beobachtung wählen, ob sie bei einer Rechenaufgabe zwei Zahlen addieren oder subtrahieren wollten. Dabei konnten die Wissenschaftler mit 70-prozentiger Trefferquote die Entscheidung vorhersagen – und zwar mehrere Sekunden, bevor die Probanden die Zahlen überhaupt zu sehen bekamen. (wst)