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Hollywood beäugt die Netzneutralität sehr skeptisch

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Die Motion Picture Association of America (MPAA) hat Bedenken gegen die Aufrechterhaltung eines offenen Internets. Man habe zwar keine formelle Position gegenüber der in den USA heiß diskutierten Frage der Netzneutralität, heißt es in einer Eingabe (PDF-Datei) der Branchenvereinigung großer Hollywood-Studios im Rahmen der viel beachteten Umfrage der US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC). Mit Andauern der Debatte werde aber immer klarer, dass die MPAA-Mitglieder, Inhalteproduzenten und die "Inhalte-konsumierende Öffentlichkeit" durch unbeabsichtigte Regulierungsfolgen bei der Festschreibung des Prinzips eines "neutralen" Netzes schwer beeinträchtigt werden könnten.

Großen US-Breitbandanbietern und einigen europäischen Carriern wie der Deutschen Telekom geht es in der Auseinandersetzung darum, für den Aufbau ihrer Hochgeschwindigkeitsnetze Inhalteanbieter für die zugesicherte oder besonders rasche Übertragung von Daten zur Kasse zu bitten. Sie wollen Möglichkeiten zur unterschiedlichen Behandlung des Datenverkehrs in ihren Backbones erhalten, abhängig etwa von Quelle, Dienst und Bandbreitenverbrauch. Verfechter einer Gewährleistung der Netzneutralität wie Amazon.com, eBay, Google, Microsoft oder Yahoo fürchten dagegen, dass TK-Giganten und TV-Kabelanbieter das Internet in teure, mit Mautstationen abgesperrte Luxusbahnen und holprige Feldwege aufteilen.

Die MPAA appelliert nun an die FCC, dass auf jeden Fall durch jegliche potenzielle Regulierungsvorhaben entscheidende Techniken im Kampf gegen Urheberrechtsverletzungen nicht behindert werden dürften. Dazu zählt sie unter anderem digitale Wasserzeichen, das Durchleuchten einzelner Datenpakete oder den Einsatz von Internet-Filtern. Die Arbeiten erster großer US-Provider wie AT&T an Lösungen zum Aussperren widerrechtlich genutzter urheberrechtlich geschützter Inhalte aus dem Internetverkehr sollen der Hollywood-Lobby zufolge also keine Steine in den Weg gelegt werden. Gleichzeitig bezeichnet die MPAA die oft bemühte Auffassung vom Internet als einem "dummen" Netzwerk, das hochwertige Dienstleistungen gleichsam nur "am Rand" in den End-Applikationen zulassen würde, als einen "Mythos". Schon mit der grundlegenden TCP/IP-Spezifikation würden sich Teile des Netzverkehrs "wichtiger" als andere einstufen lassen.

Auch dem Trendthema Web 2.0 mit seinen "nutzergenerierten Inhalten" können die Hollywood-Größen nichts abgewinnen. Dabei handele es sich um ein "Ausbeutungssystem", schließen sie sich einer Kritik der Harvard Business Review an. Den eifrigen freiwilligen Massen, die nun selbst die Produktionswerkzeuge in die Hände gegeben worden seien, würde der Besitz an ihren Werken vorenthalten. Die weitere Kreation nutzergenerierter Inhalte werde auf jeden Fall zum Erliegen kommen, knüpft die Stellungnahme an diese Darstellung an, wenn das "illegale P2P-Dateientauschen" nicht angegangen werde. Generell könnte das Beziehen einer neutralen Position bei E-Mail, Spam, Viren, sozialen Netzwerken, Betrügereien und "Piraterie" ein System erzeugen, in dem "das Böse das Gute zerstören würde", schreibt die MPAA. Es wäre auf jeden Fall ein Pyrrhussieg, falls Prinzipien Rechte der Verbraucher auf Zugang zu einem "Füllhorn exzellenter Inhalte" festschreiben sollten, ohne die Umweltbedingungen für die Überlebensfähigkeit solcher Werke zu schaffen.

Neben der MPAA hat auch NBC Universal eine Stellungnahme (PDF-Datei) an die FCC geschickt, in der sie die Beachtung von Copyright-Fragen bei der Behandlung der Frage einer möglichen Festschreibung von Netzneutralitätsverpflichtungen anmahnt. Man dürfe nicht vergessen, dass ein "großer und rasch wachsender Anteil am Internetverkehr aus gestohlenen Gütern" bestehe, heißt es in der Eingabe des Medienkonglomerats. Provider hätten die Verpflichtung, solche Inhalte auszufiltern. Dabei dürfe die Netzneutralität nicht in die Quere kommen. Die Verluste durch "Piraterie" im Netz betreffen NBC Universal zufolge nicht nur "reiche Enklaven von Filmproduzenten in New York und Los Angeles". Vielmehr würde etwa auch Kinoinhabern das Geschäft mit Tickets und Popcorn vermasselt. Letztlich seien so auch Maisanbauer und Verkäufer von Landwirtschaftsausrüstungen Opfer des Treibens in Tauschbörsen. Verbraucherschutzorganisationen haben diese Argumentation als unhaltbar zurückgewiesen.

Zur Auseinandersetzung um die Netzneutralität siehe auch die Hintergrundinformationen und die Übersicht zur bisherigen Berichterstattung in dem Online-Artikel in c't – Hintergrund:

(Stefan Krempl) / (jk)