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Holtzbrinck gründet Ratgeber-Startup "gutefrage.net"

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Wo schlafen Vögel? Was ist eigentlich so besonders an Dinkelbrot? Was sagt der Punkt 3.3.2 im christlichen Sozialwort (1997) im Wesentlichen aus? Ganz nach dem Grundsatz "es gibt keine dummen Fragen" werden auf der Website gutefrage.net seit Juli 2006 Antworten auf derlei tiefschürfende Grübeleien gesucht und immer öfter auch gefunden. Neu ist die Idee eigentlich nicht: Nutzer stellen ihre Fragen und bekommen die Antworten von anderen Mitgliedern der Community. Ähnliche Communities gibt es auch in Übersee (Lycos IQ, Yahoo Answers), andere haben mit ähnlichen Geschäftsmodellen die New Economy nicht überlebt oder machen jetzt in Astro-Beratung im Fernsehen.

Allerdings wollen die Macher dahinter keine bloße Kopie der großen englischsprachigen Angebote machen. Natürlich gibt es auch bei gutefrage.net einigen Web-2.0-Schnickschnack wie eine "Tag-Wolke"; auch bietet die Site RSS-Feeds an. Doch die stehen bei der Idee nicht im Vordergrund, sie sollen nur die Benutzung des Angebots vereinfachen. Wichtig ist Geschäftsführer Markus Wölflick, dass die Leute gute Antworten auf ihre Fragen bekommen und die Fragen interessant genug sind, dass sich auch andere Nutzer für sie interessieren.

Ausgebrütet würde das neue Angebot in den Inkubatoren von Holtzbrinck eLab, in denen neue Geschäftsideen ausprobiert und zur Marktreife entwickelt werden sollen. Holtzbrinck ist in letzter Zeit überaus aktiv im Netz unterwegs, die Risikokapitaltochter des Verlags übernahm zuletzt die Studenten-Community StudiVZ, trotz schlechter Presse für das Portal und sein Gründungsteam. An der Entwicklung von gutefrage.net im eLab war Jens Doka maßgeblich beteiligt. Der New-Economy-Veteran, dessen Lebenslauf zwischen 1999 und 2001 ein CEO-Titel ziert, glaubt an Web 2.0 und den Community-Gedanken. Am 1. Januar wurde aus der Idee eine eingetragene Gesellschaft. Die gutefrage.net GmbH ist für Holtzbrincks eLab die erste Ausgründung eines eigenen Projektes. Der ehemalige Amazon-Mann Wölflick ist seit August dabei und von der Idee so überzeugt, dass er den Schritt von eLab in die Selbstständigkeit mitgegangen ist.

Anders als die anglophonen Schwester-Sites, bei denen Wölflick eher den Spaß-Gedanken im Vordergrund sieht, will er gutefrage.net als echten Ratgeber positionieren. Dass dabei der Community eine Zentrale Rolle zukommt, weiß auch der Geschäftsführer. Noch klappt das ganz gut, findet er. Die knapp 2300 Nutzer haben bisher etwa 10.000 Fragen gestellt und viele bereits beantwortet. Natürlich gibt es immer Leute, die auf so einer Plattform Quatsch machen. Doch die hat die Community noch selbst im Griff. Dass das so bleibt, auch wenn die Gemeinschaft wie geplant wächst, dafür sorgt auch die Kontrolle durch die bisher vier Mitarbeiter, die zusammen mit ein paar Freelancern hinter gutefrage.net stehen.

Das Team kümmert sich auch um Möglichkeiten, die Inhalte der Kooperationspartner mit den passenden Fragen zu verknüpfen. Derzeit kommt der Content vom Holtzbrinck-Titel Handelsblatt und dem Portal des Wellness-Magazins "Fit for Fun". Geld fließt hier keins, es sind klassische Gegengeschäfte, von denen beiden Seiten profitieren wollen. Für die Zukunft sind weitere Kooperationen geplant. Je attraktiver die Antworten und der damit verbundene Inhalt, so die Kalkulation, desto schneller kann sich die Website als Beratungsinstanz etablieren. "Die Ratgeber wandern ins Netz", konstatiert Wölflick. Der Markt für Ratgeberbücher, das wisse er noch aus seiner Zeit bei Amazon, sei rückläufig.

Im Netz sieht der gutefrage-Chef dagegen eine Zukunft. Doch gibt es keine Garantie, dass das Projekt funktioniert. "Ein gewisses Grundrisiko besteht immer", sagt er, schließlich ist gutefrage.de ein Start-Up. Auch ein kleines 4-Mann-Team muss sich irgendwann selbst bezahlen können. Holtzbrinck sorgt als Business Angel noch für die Anschubfinanzierung, doch wird das nicht ewig so sein. Dann muss das Unternehmen genug Geld verdienen. Wölflick ist zuversichtlich, dass er mit einer kritischen Masse an richtigen Fragen und Antworten bald genug attraktive Werbeplätze anbieten kann.

Wenn Werbung zielgenau auf den Informationsbedarf des Surfers zugeschnitten werden kann, wird sie nicht mehr als belästigend, sondern eher bereichernd und informativ empfunden: Diese Hoffnung ist so alt wie das Netz. Doch jetzt, mit neuen Sytemen, die das auch tatsächlich können, sollen die New-Economy-Träume von damals endlich Wirklichkeit werden. (vbr)

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