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Huawei: Die möglichen Auswirkungen des US-Telekommunikationsnotstands

Zahlreiche US-Unternehmen beliefern Huawei ab sofort nicht mehr. Kurzfristige Auswirkungen dürfte das nicht haben, mittel- und langfristige hingegen durchaus.

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(Bild: heise online; Daniel Herbig)

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Der Handelsstreit zwischen China und den USA hat einen neuen Höhepunkt erreicht. In Folge des in der vergangenen Woche ausgerufenen Telekommunikationsnotstands und dem Setzen von Huawei auf eine "schwarze Liste“ haben zahlreiche Unternehmen die Belieferung von Huawei mit Hard- und Software eingestellt. Genannt werden in diesem Zusammenhang vor allem Google auf der einen und Huaweis Smartphone-Sparte auf der anderen Seite. Betroffen sind jedoch nahezu alle Bereiche des chinesischen Herstellers und auch Unternehmen, die nicht in den USA beheimatet sind.

Entsprechend lassen sich pauschale Aussagen zu den möglichen Auswirkungen nicht treffen. Ausbleibende Hardware-Lieferungen haben innerhalb Huaweis Notebook-Sparte andere Folgen als ein Software-Stopp im Bereich Smartphones: Erstere bedeuten Stillstand in der Produktion, letzterer ausbleibende Patches. Abzuwarten bleibt zudem, wie lange welches Unternehmen die Geschäftsbeziehungen aussetzen wird – erst die kommenden Tage und Wochen werden die entsprechenden Antworten liefern.

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Kurzfristig wird sich für diejenigen, die derzeit ein Huawei-Smartphone nutzen oder in Kürze eines kaufen werden, nichts ändern. Denn an dem Zustand, in dem die Geräte das Werk verlassen haben, ändert sich durch Googles Stopp nichts. Wie die Auswirkungen in den kommenden Wochen aussehen werden, ist hingegen schwer vorherzusagen – einige mögliche beleuchten wir in einem separaten Artikel. Während Huawei Komponenten für mehrere Monate auf Lager haben soll und die Fertigung entsprechend nicht direkt stoppen muss, sieht es mit Blick auf die Software möglicherweise anders aus.

Google respektive die Android-Entwickler sowie Huawei selbst betonen zwar, dass bereits in Umlauf befindliche Geräte weiterhin Updates für installierte Google-Apps wie YouTube oder Google Maps erhalten werden. Doch ob diese Apps auf Geräten, die nächste Woche oder nächsten Monat erst produziert werden, überhaupt noch installiert werden dürfen, ist derzeit unklar. Entscheidend dürfte sein, ob das Abkommen mit Google pauschal für ein Smartphone-Modell oder doch nur für bestimmte Chargen gilt. Eindeutig sieht es bei neuen, noch nicht angekündigten oder in Umlauf gebrachten Modellen aus. Hier wird Huawei nach aktuellem Stand auf Android sowie Google-Dienste und -Apps verzichten müssen.

Auf lange Sicht wird ARMs Entscheidung, die Geschäftsbeziehungen auszusetzen, weitreichende Auswirkungen haben. Selbst wenn Huawei die aktuell genutzten Lizenzen, die im Wesentlichen CPU- und GPU-Kerne umfassen, weiter verwenden darf, ist die Entwicklung neuer SoCs nur schwer möglich. Für derartige neue Chips müsste Huawei zu alten Kernen greifen, was nicht zuletzt die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt.

Echte Alternativen stehen aber nicht zur Verfügung. Zwar ist Android auch auf anderen Architekturen – x86, MIPS und PPC – lauffähig, doch die notwendigen Lizenzen sind eng mit US-Unternehmen verbunden. Hinzu kommt, dass passende Prozessoren mit einer mit ARM vergleichbaren Effizienz und Leistung erst entwickelt werden müssten.

Die naheliegende Alternative wäre das Android Open Source Project (AOSP), die Google-freie und quelloffene Version des Betriebssystems. In dieses fließen auch die regelmäßigen Sicherheits-Patches ein, allerdings mit zeitlicher Verzögerung. Für bereits in Umlauf befindliche Smartphones könnte Huawei auf die für AOSP vorgesehenen Patches zurückgreifen. Dies setzt allerdings voraus, dass die Implementierung in Googles Android technisch ohne größeren Aufwand möglich, aber auch lizenzrechtlich erlaubt ist. Ebenfalls denkbar wäre der Wechsel zu CustomROMs wie LineageOS oder CyanogenMod. Beide basieren auf AOSP, allerdings um diverse Funktionen erweitert.

Eine in der Vergangenheit bereits häufiger genannte Alternative wäre Huaweis Plan B. Schon seit einigen Jahren soll das Unternehmen an einem eigenen Betriebssystem für Smartphones arbeiten, das auf den Namen Kirin OS hört. Welche Basis dabei zum Einsatz kommt und ob Kirin OS technisch auf allen Modellen nutzbar wäre – Stichwort Treiberunterstützung – ist nicht bekannt.

Gemeinsam hätten alle Android-Alternativen den Verzicht auf jegliche Google-Dienste. Diese ließen sich zwar in Form von APKs nachträglich installieren, Huawei selbst dürfte darauf aber nicht hinweisen, geschweige denn die APKs selbst auf seiner Homepage anbieten. Und da es sich dabei um Installationen aus unbekannter Quelle handelt, stiege dabei auch die Gefahr, sich einen Schädling einzufangen. Allerdings gibt es auch Möglichkeiten, komplett auf Google-Dienste zu verzichten.

Für Smartwatches gibt es eine solche Alternative nicht. Die auf Wear OS basierenden Huawei-Modelle erhalten somit vorerst keine Versions-Updates oder Sicherheits-Patches.