Menü

Huawei: Die möglichen Auswirkungen des US-Telekommunikationsnotstands

Zahlreiche US-Unternehmen beliefern Huawei ab sofort nicht mehr. Kurzfristige Auswirkungen dürfte das nicht haben, mittel- und langfristige hingegen durchaus.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 266 Beiträge

(Bild: heise online; Daniel Herbig)

Update
Von

Der Handelsstreit zwischen China und den USA hat einen neuen Höhepunkt erreicht. In Folge des in der vergangenen Woche ausgerufenen Telekommunikationsnotstands und dem Setzen von Huawei auf eine "schwarze Liste“ haben zahlreiche Unternehmen die Belieferung von Huawei mit Hard- und Software eingestellt. Genannt werden in diesem Zusammenhang vor allem Google auf der einen und Huaweis Smartphone-Sparte auf der anderen Seite. Betroffen sind jedoch nahezu alle Bereiche des chinesischen Herstellers und auch Unternehmen, die nicht in den USA beheimatet sind.

Entsprechend lassen sich pauschale Aussagen zu den möglichen Auswirkungen nicht treffen. Ausbleibende Hardware-Lieferungen haben innerhalb Huaweis Notebook-Sparte andere Folgen als ein Software-Stopp im Bereich Smartphones: Erstere bedeuten Stillstand in der Produktion, letzterer ausbleibende Patches. Abzuwarten bleibt zudem, wie lange welches Unternehmen die Geschäftsbeziehungen aussetzen wird – erst die kommenden Tage und Wochen werden die entsprechenden Antworten liefern.

US-Sanktionen gegen Huawei

mehr anzeigen

Kurzfristig wird sich für diejenigen, die derzeit ein Huawei-Smartphone nutzen oder in Kürze eines kaufen werden, nichts ändern. Denn an dem Zustand, in dem die Geräte das Werk verlassen haben, ändert sich durch Googles Stopp nichts. Wie die Auswirkungen in den kommenden Wochen aussehen werden, ist hingegen schwer vorherzusagen – einige mögliche beleuchten wir in einem separaten Artikel. Während Huawei Komponenten für mehrere Monate auf Lager haben soll und die Fertigung entsprechend nicht direkt stoppen muss, sieht es mit Blick auf die Software möglicherweise anders aus.

Google respektive die Android-Entwickler sowie Huawei selbst betonen zwar, dass bereits in Umlauf befindliche Geräte weiterhin Updates für installierte Google-Apps wie YouTube oder Google Maps erhalten werden. Doch ob diese Apps auf Geräten, die nächste Woche oder nächsten Monat erst produziert werden, überhaupt noch installiert werden dürfen, ist derzeit unklar. Entscheidend dürfte sein, ob das Abkommen mit Google pauschal für ein Smartphone-Modell oder doch nur für bestimmte Chargen gilt. Eindeutig sieht es bei neuen, noch nicht angekündigten oder in Umlauf gebrachten Modellen aus. Hier wird Huawei nach aktuellem Stand auf Android sowie Google-Dienste und -Apps verzichten müssen.

Auf lange Sicht wird ARMs Entscheidung, die Geschäftsbeziehungen auszusetzen, weitreichende Auswirkungen haben. Selbst wenn Huawei die aktuell genutzten Lizenzen, die im Wesentlichen CPU- und GPU-Kerne umfassen, weiter verwenden darf, ist die Entwicklung neuer SoCs nur schwer möglich. Für derartige neue Chips müsste Huawei zu alten Kernen greifen, was nicht zuletzt die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt.

Echte Alternativen stehen aber nicht zur Verfügung. Zwar ist Android auch auf anderen Architekturen – x86, MIPS und PPC – lauffähig, doch die notwendigen Lizenzen sind eng mit US-Unternehmen verbunden. Hinzu kommt, dass passende Prozessoren mit einer mit ARM vergleichbaren Effizienz und Leistung erst entwickelt werden müssten.

Die naheliegende Alternative wäre das Android Open Source Project (AOSP), die Google-freie und quelloffene Version des Betriebssystems. In dieses fließen auch die regelmäßigen Sicherheits-Patches ein, allerdings mit zeitlicher Verzögerung. Für bereits in Umlauf befindliche Smartphones könnte Huawei auf die für AOSP vorgesehenen Patches zurückgreifen. Dies setzt allerdings voraus, dass die Implementierung in Googles Android technisch ohne größeren Aufwand möglich, aber auch lizenzrechtlich erlaubt ist. Ebenfalls denkbar wäre der Wechsel zu CustomROMs wie LineageOS oder CyanogenMod. Beide basieren auf AOSP, allerdings um diverse Funktionen erweitert.

Eine in der Vergangenheit bereits häufiger genannte Alternative wäre Huaweis Plan B. Schon seit einigen Jahren soll das Unternehmen an einem eigenen Betriebssystem für Smartphones arbeiten, das auf den Namen Kirin OS hört. Welche Basis dabei zum Einsatz kommt und ob Kirin OS technisch auf allen Modellen nutzbar wäre – Stichwort Treiberunterstützung – ist nicht bekannt.

Gemeinsam hätten alle Android-Alternativen den Verzicht auf jegliche Google-Dienste. Diese ließen sich zwar in Form von APKs nachträglich installieren, Huawei selbst dürfte darauf aber nicht hinweisen, geschweige denn die APKs selbst auf seiner Homepage anbieten. Und da es sich dabei um Installationen aus unbekannter Quelle handelt, stiege dabei auch die Gefahr, sich einen Schädling einzufangen. Allerdings gibt es auch Möglichkeiten, komplett auf Google-Dienste zu verzichten.

Für Smartwatches gibt es eine solche Alternative nicht. Die auf Wear OS basierenden Huawei-Modelle erhalten somit vorerst keine Versions-Updates oder Sicherheits-Patches.

Nutzer eines Huawei-Notebooks wie dem MateBook X Pro oder MateBook 13 werden unmittelbar keine Auswirkungen zu spüren bekommen. Betriebssystem-Updates werden von Microsoft bereitgestellt. Etwas anders könnte es bei Treiber-Updates aussehen, wenn Huawei an der Entwicklung der entsprechenden Komponente beteiligt gewesen ist.

Zumindest kurzfristig könnte es für potenzielle Käufer keine Unterschiede geben. Ein Engpass ist aufgrund der vermuteten Lagerhaltung nicht zu erwarten. Mittel- und langfristig dürfte es jedoch anders aussehen. Denn dass Huawei Intel-Prozessoren für drei, vier oder noch mehr Monate vorhält, erscheint angesichts der noch immer nicht ganz entspannten Fertigungssituation bei Intel als fragwürdig. Hinzu kommt, dass Huawei bei Notebooks viel stärker als bei Smartphones auf Zulieferer angewiesen ist.

Ein solcher ist auch Microsoft in Form von Windows 10. Hier bleibt abzuwarten, inwiefern Huawei bezüglich der notwendigen Lizenzen vorgesorgt hat und wie die rechtliche Situation aussieht: Darf Microsoft die Installation auf einem fabrikneuen Gerät derzeit überhaupt noch aktivieren?

Ob die USA auch Huaweis Netzwerksparte mit dem Notstand und dem daraus resultierenden Stopp treffen, bleibt abzuwarten. Zwar stehen auf der Liste der Zulieferer viele US-Unternehmen, doch ob Huawei von diesen Komponenten für diese Sparte bezieht, ist nicht bekannt. Auch der Umgang mit Standards kann eine Rolle spielen. So basiert 5G in Teilen auf Entwicklungen von US-Unternehmen wie Qualcomm oder Broadcom.

Kommt es zu Problemen in der Fertigung, wären die Folgen für Huawei gravierend. Für den Ausbau der 5G-Netze müssten die bisherigen Partner auf Mitbewerber ausweichen, die bisherigen Zeitpläne wären dann nicht mehr einzuhalten. Für Verbraucher würde dies den späteren Start von 5G bedeuten, auf Netzbetreiber kämen höhere Kosten zu.

Spartenübergreifend dürfte sich die Situation verschärfen, wenn weitere Unternehmen die Zusammenarbeit aussetzen. Sollte sich TSMC für einen Stopp entscheiden – derartige Beratungen sollen diese Woche stattfinden – würde das Huaweis eigene SoCs betreffen. Die daraus bis dato entstandene Unabhängigkeit von Qualcomm und anderen Herstellern würde dann keine Rolle mehr spielen. Ähnlich sieht es bei Displays aus. Die werden zu einem großen Teil von Japan Display bezogen, aber auch dort hat man sich noch nicht abschließend festgelegt.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch noch eine große Unbekannte. Zwar ist mit dem Notstand ein genereller Stopp verbunden, doch Ausnahmegenehmigungen sind explizit möglich. Darauf verwies das US-Handelsministerium gegenüber Reuters bereits – wohlwissend, dass ein ausnahmsloser Stopp zu Sicherheitsproblemen führen könnte. Immerhin nutzen einige US-Netzbetreiber Huawei-Komponenten, die ohne eine solche Ausnahme keine Softwares erhalten könnten.

In Panik sollten Besitzer eines Huawei-Geräts nicht verfallen, es gilt aber aufmerksam zu sein. Denn auch wenn sich am Funktionsumfang von in Umlauf befindlichen Smartphones, Tablets, Smartwatches und Notebooks nichts ändern wird: Nutzer müssen verstärkt auf die Sicherheit achten. Werden Lücken bekannt, könnten Angreifer diese bei Huawei-Geräten gezielt ins Visier nehmen – dauert das Schließen nun doch länger. Das sollten auch diejenigen bedenken, die unmittelbar vor einem Kauf stehen.

Ist der jedoch erst für in ein paar Wochen geplant, sollte genau geschaut werden, ob der dann gebotene Funktions- und Software-Umfang mit dem bisherigen übereinstimmt. Denn sollte die eine oder die andere Einschränkung auch für Exemplare eines bereits angekündigten Modells gelten, die erst noch produziert werden müssen, könnten Google-Dienste bereits fehlen. Auch wer Wert auf zeitnahe Funktions-Updates legt, sollte den Stopp und seine Auswirkungen vor dem Kauf bedenken.

Update 23. Mai 2019: Der Abschnitt Ersatz für ARM wurde hinzugefügt. (pbe)