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Hü und Hott bei Netscape

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Noch ist es nicht mit Software gefüllt, das ftp-Verzeichnis für die deutschsprachige Browser-Ausgabe der Version 7.1 auf Netscapes Server: Angelegt wurde das Directory aber am gestrigen Freitagabend bereits, ein sicheres Zeichen dafür, dass diese Version kurz vor der Freigabe steht. Damit macht AOL zumindest vorerst die Versicherung wahr, dass man weiter an Netscape festhalten wolle -- was immer dies auch bedeuten mag, nachdem man 50 Browser-Entwickler entlassen hat.

Vieles spricht dafür, dass der Online-Dienst AOL, der Netscape 1998 übernommen hat, zwar die Marke und das Webportal beibehalten will -- schließlich stellt der bekannte und traditionsreiche Name einen nicht zu unterschätzenden Aufmerksamkeitswert im Kampf um das Interesse der Surfer dar. Dass dies aber gleichzeitig bedeutet, dass es weitere Versionen des Netscape-Browsers geben wird, ist mehr als zweifelhaft -- ohne Entwickler keine Software. Zudem spricht die Lizenzierung des Internet Explorer im Rahmen der außergerichtlichen Einigung mit Microsoft in einer Wettbewerbsklage nicht unbedingt dafür, dass man künftig eine andere Technik in die eigenen AOL-Software einbauen will. Einzig die Compuserve- und die AOL-Mac-Software basieren bislang auf der Engine, die das Mozilla-Projekt, das auch die Basis für Netscapes Websuite liefert, entwickelt hat.

So war die Entlassung der Browser-Entwickler auch ein schwerer Schlag für Mozilla, bei aller Versicherung, das Projekt stehe auf einer soliden Basis. Immerhin arbeiteten die AOL/Netscape-Entwickler nicht einfach nur an der Anpassung von Mozilla für Netscape, sondern spielten teilweise eine tragende Rolle bei der Programmierung von Rendering-Engine und Anwendungen des Open-Source-Projekts. Mozilla entstand aus der Freigabe des Netscape-Quellcodes und bildete dann umgekehrt wieder die Basis für die weiteren Ausgaben von Netscapes Anwendungssuite, die in der Regel kurz nach der Freigabe einer neuen Mozilla-Version in einer angepassten Ausgabe erschien.

Die neu gegründete Mozilla-Stiftung will nun die Arbeit von mozilla.org weiterführen und sogar ausdehnen: So möchte man zum Beispiel für mehr öffentliche Aufmerksamkeit für das Projekt sorgen, was man bislang eher Netscape überlassen hat -- woraus AOL aber keineswegs Nutzen zog. Bei AOL wirkte der Netscape-Kauf in letzter Zeit verstärkt wie eine Fehlinvestition, zumal der ehemalige Marktführer auf dem Web-Browsermarkt mittlerweile kaum noch mit Microsofts Internet Explorer mithalten kann. AOL hat es nicht geschafft, Profit aus der Firmentochter zu schöpfen; einzig in der Wettbewerbsklage gegen Microsoft erwies sie sich als probates Druckmittel: Der Internet Explorer verlöre erheblich an Popularität, wenn die 30 Millionen AOL-Mitglieder mit einem anderen Browser im Internet unterwegs sein würden.

Nun soll wohl Mozilla in Zukunft zu einer eigenen Marke werden und damit Netscape möglicherweise auch hier ablösen -- ob dies gelingt, steht in den Sternen. Auch sollen mehr Firmen davon überzeugt werden, Mozilla als Basis für eigene Web-Projekte zu gewinnen. Mit Red Hat und Sun hat man zumindest zwei Protagonisten als Unterstützer der Mozilla-Stiftung mit im Boot, die sehr wohl als Referenz für solche Überzeugungsarbeit taugen.

Ob das alles dazu führt, dass Netscape auch als Web-Anwendung, und nicht nur als AOL-Marke neues Leben eingehaucht wird, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. In den Sternen steht aber auch, ob die Bemühungen der Mozilla Foundation sich zu einer ernsthaften Gefahr für die Marktanteile entwickeln können, die Microsoft mittlerweile mit dem Internet Explorer erreicht. Jedenfalls sind die 2 Millionen US-Dollar, die AOL zur Gründung der Mozilla-Stiftung beitrug, nicht mehr als eine Anschubfinanzierung, die vorerst vor allem die Gehälter der Mozilla-Mitarbeiter gewährleistet. Die Stiftung kann nur hoffen, dass die von Mozilla-Chefin Mitchell Baker beschworene "weitere Unterstützung" durch AOL nicht nur ein frommer Wunschtraum ist und über die übergangsweise Weiterbeschäftigung wichtiger Mozilla-Mitglieder wie Asa Dotzler hinausgeht -- und dass Firmen wie Red Hat und Sun nicht nur wortreich Unterstützung zusichern, sondern dies auch mit klingender Münze unterstreichen. (jk)