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Human-Robot Interaction: "Robo-Rassismus" und Sex mit Maschinen

Gewalt gegen Roboter und Sex mit menschenähnlichen Roboter – Wissenschaftler haben beide Themen untersucht und ihre Forschungsergebnisse auf der Konferenz Human-Robot Interaction vorgestellt.

Human-Robot Interaction: "Robo-Rassismus" und Sex mit Maschinen

(Bild: Realbotix)

Es kommt nicht oft vor, dass auf einer wissenschaftlichen Konferenz vor einem Vortrag die ansonsten nur aus US-Kinos bekannte Warnung "Rated R" eingeblendet wird – was ungefähr der deutschen Altersfreigabe "ab 18 Jahren" entspricht. Und das kam nicht von ungefähr, denn Xian Zhi Tan, Forscher an der Carnegie Mellon University, sprach während der Tagung HRI 2018 (Human-Robot Interaction) in Chicago über Beschimpfungen und physische Gewalt gegen Roboter.

Szenen, wie die in einem japanischen Einkaufszentrum gefilmten, in denen Kinder einen Roboter attackieren, kämen immer wieder vor, sagte Tan. Die Studie, die er vorstellte, zielte darauf ab, geeignete Maßnahmen gegen Gewalt gegen Roboter zu finden. Dabei ging es nicht darum, den Robotern Selbstverteidigungstechniken beizubringen, sondern zu testen, welche Verhaltensweisen am besten geeignet sind, andere Menschen zum Eingreifen zu bewegen.

Selbst Kinder können gegen Roboter Gewalt anwenden.

Bei einem Experiment mit dem Roboter Cozmo, der auf Beschimpfungen und physische Angriffe entweder gar nicht reagierte, Wut zeigte oder sich selbst abschaltete, erwies sich die Selbstabschaltung als erfolgversprechendstes Verhalten. Generell seien Menschen bereit, in solchen Situationen dem Roboter zu helfen, erklärte Tan. Sie hätten aber während des Experiments trotzdem häufig nicht eingegriffen, wenn der Roboter misshandelt wurde, weil sie den Versuch nicht stören wollten. Zwei Versuchsteilnehmer, von denen einer in Wirklichkeit zum Forschungsteam gehörte, sollten mit dem Roboter ein Gedächtnisspiel durchführten und der Forscher wütend auf die Antworten des Roboters reagieren. Die Aussagefähigkeit des Experiments sei begrenzt, weil der Roboter sehr klein und die gegen ihn gerichtete Aggression nicht zerstörerisch war, räumte Tan ein. Gleichwohl wiesen die Ergebnisse in eine recht eindeutige Richtung.

Vergleichsweise klein war auch der Roboter, mit dem Christoph Bartneck von der University of Canterbury in Neuseeland experimentierte. Dennoch geht die Studie unter die Haut, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn: Bartneck und sein Forschungsteam untersuchten, welche Rolle die Hautfarbe bei der Wahrnehmung von Robotern spielt. Dafür nutzten sie den Shooter Bias Task, ein von dem Psychologen Joshua Correll entwickeltes Verfahren, um rassistische Stereotypen in der Wahrnehmung zu untersuchen. Dabei werden den Versuchspersonen Bilder von bewaffneten und unbewaffneten Personen mit weißer und schwarzer Hautfarbe in einer urbanen Umgebung präsentiert. Die Aufgabe besteht darin, auf alle bewaffneten Personen zu schießen und die unbewaffneten zu verschonen, wobei in weniger als einer Sekunde reagiert werden muss. Corrells Experiment ergab, dass auf Schwarze eher geschossen wird als auf Weiße.

(Bild: University of Canterbury)

Bartneck hat dieses Experiment mit Nao-Robotern in Schwarz und Weiß wiederholt. Tatsächlich waren die Versuchsteilnehmer auch bei den Naos eher bereit, auf Schwarze zu schießen und Weiße zu verschonen. Das Experiment wurde als Onlinespiel in zwei Varianten durchgeführt, einmal mit 850 Millisekunden Reaktionszeit und in einer zweiten Runde mit 630 Millisekunden. Außerdem wurden die Teilnehmer befragt, welcher "Rasse" sie die Roboter zuordnen. Dabei gab es auch die Möglichkeit "trifft nicht zu" anzukreuzen, was aber nur 11 Prozent der Teilnehmer wählten. Die Effekte müssten noch genauer untersucht werden, sagte Bartneck, legten aber auf jeden Fall nahe, bei der Gestaltung von Robotern eine größere Vielfalt auch hinsichtlich der Farbe anzustreben.

Die Frage nach der Hautfarbe stellte sich auch zu einer Präsentation, die Bartneck mit Matt McMullen, CEO der Firma Realbotix, durchführte. Realbotix verkauft Sexpuppen, die mit einem Roboterkopf mit zehn Freiheitsgraden ausgestattet sind und denen über eine App unterschiedliche Persönlichkeiten verliehen werden können. Sie könnten in jeder beliebigen Hautfarbe angefertigt werden, sagte McMullen auf Nachfrage, auch in unnatürlichen Farben wie Pink, Grün oder Blau. Das Gesicht lasse sich innerhalb von zwei Minuten austauschen. Die Kundschaft sei überwiegend männlich, es gebe aber auch Frauen und Paare, die sich für den Roboter interessierten.

(Bild: Realbotix)

Realbotix biete daher auch Roboter mit männlichem Erscheinungsbild an, aber ausdrücklich keine kindlich wirkenden Puppen und Kopien von prominenten Personen. Die seien bisher aber ohnehin nicht verlangt worden. Obwohl das anfängliche Interesse zumeist sexuell geprägt sein mag, werde der Roboter für die Nutzer im Lauf der Zeit offenbar häufig ein Gefährte, der nicht im Schrank abgelegt wird, sondern auf dem Sofa sitzt. McMullen hält es für wahrscheinlich, dass sich in Zukunft eine neue Art der Sexualität herausbilden könnte – Robo-Sexualität.

Eine offene Frage ist, ob die maschinellen Sexpartner des Menschen zukünftig immer menschenähnlich aussehen müssen. Ein Video, das an der IT University of Copenhagen entstanden ist und auf der HRI 2018 gezeigt wurde, zielt zwar erklärtermaßen auf Grundlagenforschung zu Soft Robotics, also Robotern aus weichen Materialien ab, völlig abwegig sind Anwendungen im Erotik-Bereich aber nicht.

Eine Soft-Tentakel zeigt, wie sich Roboter aus weichen Materialien bewegen könnten.

(Hans-Arthur Marsiske) / (olb)

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