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IBM: Münchener Entscheidung ein "Ritterschlag für Linux"

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Auf den 30-Millionen-Euro-Auftrag der Stadt München, ihre Computer mit neuer Software zu versehen, war Microsoft nicht unbedingt angewiesen. Rund 7 Milliarden Euro Umsatz machte der Softwaregigant allein im vergangenen Geschäftsquartal, da fällt die Ausstattung von 14.000 PC nicht so sehr ins Gewicht. Insgesamt macht Microsoft laut Marktforschern ein Prozent seines Umsatzes in Deutschland mit Software für die öffentliche Verwaltung. Im Prestigekampf gegen die Open-Source-Bewegung hat die Münchener Niederlage für Microsoft jedoch eine symbolische Bedeutung: Die Ratsversammlung der Stadt hat mit ihrem Votum für Linux und OpenOffice dem weltgrößten Softwarekonzern einen Stich mitten ins Herz versetzt.

Microsofts Konkurrenten triumphierten nach der Entscheidung des Stadtrats. Walter Raizner, Chef von IBM Deutschland, schwärmte: "Linux ist ein Stück Freiheit. Offene Standards erlauben es Unternehmen und Kommunen selbst zu entscheiden, wann und in welche Software sie investieren." Die Entscheidung sei der Ritterschlag für Linux in der öffentlichen Verwaltung und ein weiterer Beweis dafür, dass Deutschland eine weltweit führende Rolle beim Einsatz von Linux einnehme. "Durch diesen Entschluss setzt München ein Zeichen für alle Kommunen sowie den Mittelstand, sich aus der Umklammerung eines Monopols zu befreien", sagte Martin Häring, Marketing-Direktor der Sun Microsystems GmbH. Und Richard Seibt, Vorstandsvorsitzender der SuSE Linux AG, sprach sogar von einer historischen Entscheidung: "Was in der großen Weltpolitik der Fall der Berliner Mauer war, das wird dieses Votum in unserer Branche sein."

Selbst wenn man einen großen historischen Vergleich scheut, dann ist vielen Beobachtern dennoch klar, dass Microsoft künftig in Schwierigkeiten kommen kann. Insbesondere Microsoft Office, bislang die ertragreiche "Cash-Cow" der Redmonder, wird künftig nicht mehr zu den hohen Preisen vermarktet werden können wie bisher. Das hatte die Konzernzentrale in Redmond schon erkannt und wenige Stunden vor der Entscheidung in München die Preise weltweit um 15 Prozent gesenkt.

Microsoft muss nun befürchten, dass das Beispiel München Schule macht. Nachdem die Stadt Schwäbisch Hall sich als erste Kommune Deutschlands für eine Microsoft-freie Computerlösung entschieden hatte, trafen bereits Anfragen aus aller Welt ein, wie man denn konkret ohne die Programme des Software-Marktführers auskommen kann. Dieser Effekt dürfte sich jetzt in einem wesentlich größeren Ausmaß wiederholen.

Microsoft-Sprecher Hans-Jürgen Croissant glaubt nicht an diesen Domino-Effekt: "Wir sind der Überzeugung, dass unser Angebot das wirtschaftlichste war." Sein Unternehmen sehe in der Stadtverwaltung München weiterhin einen wichtigen Partner und Kunden, mit dem man etwa im Bildungsbereich gut zusammenarbeite. Der Triumpf der Konkurrenz wird vielleicht auch durch die Entscheidung der Stadt Frankfurt am Main gedämpft, die heute einen Rahmenvertrag über eine langfristige Zusammenarbeit mit Microsoft unterzeichnet hat. Damit tritt die Stadt dem im vergangenen Jahr geschlossenen Vertrag zwischen Microsoft und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) bei.

Jürgen Gallmann, Geschäftsführer von Microsoft Deutschland, muss seinem obersten Chef in den USA, Steve Ballmer, jetzt aber erklären, warum ausgerechnet München, nahe dem Sitz der deutschen Niederlassung, auf Windows XP und Microsoft Office verzichten will. Schließlich hatte CEO Ballmer für ein Gespräch mit dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude eigens seinen Urlaub in der Schweiz unterbrochen. Und Microsoft-Gründer Bill Gates hatte zum 20. Jahrestag der Gründung von Microsoft Deutschland noch nette Worte von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber zu hören bekommen.

Vor der Entscheidung hatte Microsoft jedoch bereits von ideologisch geprägten Vorurteilen gesprochen und sich über einen unfairen Wettbewerb beklagt, da IBM und SuSE ihr Angebot in Kenntnis der Microsoft-Offerte noch einmal verändern durften.

Ob in München tatsächlich das Anbieter-Duo IBM und SuSE zum Zuge kommen wird, steht noch nicht fest. Theoretisch könnten auch andere Anbieter wie HP oder Fujitsu-Siemens berücksichtigt werden. "Jetzt beginnt die Arbeit, in einem Feindesign die Dinge festzuhalten, die der Stadt wichtig sind", sagt SuSE-Chef Seibt. Außerdem müsse das Vertrauen der Mitarbeiter gewonnen werden, die mit der neuen Software arbeiten werden. (Christoph Dernbach, dpa) / (Christoph Dernbach, dpa) / (anw)

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