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IBM will vom Home Office nichts mehr wissen

Nach IT-Konzernen wie HP oder Yahoo ruft nun auch IBM Heimarbeiter zurück in die Büros. Der Konzern galt lange Zeit als Pionier flexibler Arbeitsorte, jetzt sollen Teamgeist und Innovation vor Ort im Firmengebäude gestärkt werden.

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Home Office

(Bild: dpa, Jan-Philipp Strobel/Symbolbild)

Während der Deutsche Juristentag voriges Jahr ein "Recht auf Home Office" proklamierte und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) aktuell für mehr Optionen bei der Wahl von Arbeitsort und -zeit wirbt, üben sich in den USA immer mehr IT-Konzerne in der Rolle rückwärts bei der Heimarbeit. Nach Yahoo und HP setzt nun auch IBM wieder verstärkt auf die Anwesenheit der Mitarbeiter in zentralen Bürogebäuden. Den jüngsten Rückruf startete die IBM-Marketingchefin Michelle Peluso Anfang Februar in einer Rundmail, in der sie neben "tollen Mitarbeitern" und den richtigen Werkzeugen "wahrhaft kreative und inspirierende Örtlichkeiten" als Erfolgsrezept für Unternehmen pries.

Mehr oder weniger gut versteckt war in der Videobotschaft die Anweisung für rund 2.600 Angestellte ihrer Abteilung, künftig wieder "Schulter an Schulter" in einer von sechs IBM-Niederlassungen in Atlanta, Raleigh, Austin, Boston, San Francisco oder New York zu arbeiten, berichtet das Online-Magazin Quartz. Viele der Betroffenen, die zuvor im Home Office werkelten, müssten seitdem wieder ins Firmenbüro pendeln, umziehen oder sich einen anderen Job suchen. Ähnliche Regeln sollen dem Bericht nach bereits für andere Abteilungen des Konzerns gelten. Bislang betroffen seien die Entwicklungsbereiche für Watson und das Cloudgeschäft, in weiteren Abteilungen stünden zeitnah vergleichbare Verlautbarungen an.

"Jeder, den ich kenne, ist verärgert", zitiert das Magazin einen von den örtlichen Freiheitsbeschränkungen Betroffenen, der lieber anonym bleiben wollte. Die Verunsicherung sei groß, sogar von einem "Massaker" sei die Rede. Schließlich galt IBM als einer der großen Pioniere der Heimarbeit. Schon in den 1980ern installierte die Firma Terminals in den Häusern von Angestellten, über die sie sich aus der Ferne in das Arbeitsgeschehen ihrer Kollegen einklinken konnten. 2009 arbeiteten 40 Prozent der weltweit 386.000 Personen umfassenden IBM-Belegschaft von zu Hause aus. Das Unternehmen konnte damit nach eigenen Angaben seine Büroflächen um 7,25 Millionen Quadratmeter verkleinern und jährlich rund 100 Millionen US-Dollar einsparen.

Untersuchungen zufolge arbeiten Mitarbeiter in den heimischen vier Wänden produktiver, freiwillig länger und haben oft trotzdem das Gefühl, dass ihre Work-Life-Balance günstiger ausfällt als bei Kollegen, die im Firmenbüro schuften. Auf dem Weg zu kleineren, agilen Unternehmens-Einheiten setze IBM nun aber "auf den Wert von Innovation", erklärte der Management-Professor John Sullivan dem Magazin. Der Effekt, dass sich Mitarbeiter im Büro am "Wasserkühler", in der Kantine oder im Aufzug treffen und sich über ihre aktuellen Aufgaben austauschen, sei kaum zu überschätzen.

Branchenkonzerne wie Apple, Facebook oder Google setzen aus diesem Grund schon lange darauf, möglichst viele Angestellte an einem Ort zusammenzubringen und mit Vergünstigungen wie kostenlosem Essen, Massagen, Wäscheservice oder Kinderbetreuung zu locken. Sie errichten oder planen dafür teils große neue Hauptquartiere im Silicon Valley und zahlen Boni, wenn die Mitarbeiter in der Nähe wohnen. US-Firmen wie Reddit oder Best Buy haben in den vergangenen Jahren derweil ebenfalls das Home Office mehr oder weniger wieder abgeschafft, um schlagkräftiger zu werden. (Stefan Krempl) / (msi)

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