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ICANN -- "single point of failure" des Internet

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Auch der US-Senat beschäftigte sich am gestrigen Mittwoch, nur wenige Tage nach dem Kongress, mit der Internet-Adressen- und Namens-Verwaltung Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). Ist ICANN legal, technisch für die Organisation des DNS kompetent und genießt sie das Vertrauen der Betroffenen? Das wollte der Vorsitzende des Telekommunikationsausschusses auf dem Capitol Hill wissen. Erneut stand die Frage im Raum, ob man ICANN als unabhängige internationale Selbstregulierung akzeptieren könne oder das DNS besser durch US-Gesetze regulieren solle.

"ICANN ist schlecht konzipiert, funktioniert schlecht und hat sich den Unwillen der Internet Community zugezogen", lautete die Fundamentalkritik des durch die ICANN-Mitglieder gewählten At-Large-Direktors für Nordamerika Karl Auerbach. Auerbach beklagte ICANNs mangelnde Transparenz – "selbst als Direktor bekomme ich kaum mit, was getan wird" – und erinnerte noch einmal an die gebrochenen Zusagen, die Öffentlichkeit im Rahmen der so genannten At-Large-Wahlen, bei denen die Internet-Nutzer fünf ICANN-Direktoren wählen konnten, ausreichend zu beteiligen. Bei aller Kritik sei er aber für ein Fortbestehen der Organisation und letztlich für einen Übergang ICANNs von einer kalifornischen Non-Profit-Organisation zu einer wirklich internationalen Organisation. "Auch wenn es für den Kongress schmerzhaft ist, wir brauchen dafür seine Unterstützung", meinte Auerbach, auch wenn er gleichzeitig die Frage nach der Verfassungsmäßigkeit der Delegation der Kompetenzen an ICANN in den Raum stellt.

ICANNs noch amtierender CEO Michael Roberts und der US-Jurist Michael Froomkin sprachen sich dagegen dafür aus, vorerst die Aufsicht der US-Regierung beizubehalten. ICANN sei ein Experiment und die Organisation müsse sich das Vertrauen der Bürger und Regierungen weltweit erst noch verdienen. Froomkin bezeichnete ICANN, wie schon in seinem Statement vor Kongressabgeordneten vergangene Woche, als "single point of failure" des Internet und damit als lebenden Widerspruch zum zentralen Grundsatz des Netzes überhaupt. Anstatt auf die zentrale Auswahl neuer Top Level Domains solle sich die ICANN allein darauf konzentrieren, Überschneidungen im DNS auszuschließen, während dezentral die Entscheidungen über jeweils neue Adressbereiche gefällt würden. Die ICANN dürfe kein privater Regulierer sein. Der zentrale Rootserver ist nach seiner Ansicht vorerst bei der US-Regierung gut aufgehoben.

Auf die Frage eines Senators, ob es neuer Gesetze für die Regulierung des DNS bedürfe, sagte Froomkin, wenn ICANN seine Aufgabe nicht bewältige, könne der US-Gesetzgeber tatsächlich gefragt sein. Die drei vertretenen Registry-Unternehmer, darunter für Verisign Roger Cochetti, sprachen sich demgegenüber dafür aus, den "größten Marktplatz der Welt", so Brian Cartmell vom eNIC, nicht der staatlichen Regulierung zu unterwerfen.

Nur wenige Senatoren waren zum Hearing gekommen, doch wird es kaum das letzte gewesen sein. "Es liegt in der Natur der ICANN, dass es dauernd Geschrei und Chaos gibt", verteidigte Roberts die Organisation. Leider, so bedauerte der Ausschussvorsitzende, könne man das DNS-Genie Jon Postel, nicht mehr befragen: "Er ist in ein größeres Internet eingegangen." (Monika Ermert) / (jk)