ICRA: Noch mehr Kategorien für Inhaltsfilter im Web

Mit einem neuen Klassifizierungsschema für Web-Filter der ICRA sollen sich möglichst alle Web-Seiten selbst einordnen - sonst droht ihnen im Zweifelsfall die vollständige Blockierung.

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  • Monika Ermert

Seit Anfang der Woche können Inhalts-Anbieter und Webmaster ihre Seiten nach dem neuen Webfilterungs- und Klassifizierungschema der Internet Content Rating Association (ICRA) einstufen. Aufbauend auf die Selbsteinschätzung der Anbieter in Bezug auf Nacktheit und Sex, Gewalt, Sprache und "anderes" auf ihren Seiten sollen künftig Eltern und Pädagogen den Webkonsum ihrer Kinder regulieren können. Vorerst ist die Filterfunktion nur über Microsofts Internet Explorer realisiserbar, bis Mitte nächsten Jahres soll es auch in andere Browser integriert werden. "Wir schätzen, dass wir nun schnell doppelt so viele Self-Ratings bekommen wie bisher", sagte Ola-Kristian Hoff, Europa-Direktor der ICRA, gegenüber heise online. Bislang hatten sich erst 170.000 Seiten selbst bewertet.

Mit dem Self-Rating- und Filtering-System soll nach der Vorstellung der beteiligten Unternehmen wie der Bertelsmann-Stiftung, AOL, Microsoft, British Telecom oder UUnet Jugendschutz ohne Zensur möglich sein. Das Industriekonsortium, dessen Mitgliedsliste sich wie ein Who's Who der Informationsindustrie liest, baut mit seinem System auf das in den USA wirtschaftlich gescheiterte RSACi-Filtersystem auf. Dessen Kategoriensystem umfasste aber, so heißt es in der aktuellen Pressemitteilung der ICRA, nur die Kategorien Nacktheit, Sex, Sprache und Gewalt. ICRA sei dagegen ein globales System mit mehr "Kategorien der Sorge", etwa auch bei Werbung für Drogen, Alkohohl oder Waffen. Für die Einbeziehung europäischer und asiatischer Filterkategorien erhielt ICRA auch 600.000 Euro von der Europäischen Kommission.

Doch die, gelinde gesagt, Interpretationsfähigkeit der erweiterten Kategorien bleibt bestehen, wie man beim Ausfüllen des standardisierten Fragebogens leicht erkennen kann. Bilder, Darstellungen oder Beschreibungen von "männlichen Genitalien" oder einem "nackten Hinterteil" dürften dabei leicht zu identifizieren sein. Was aber sollen Inhalteanbieter unter der "willkürlichen Zerstörung von Sachen" alles angeben, und was gehört zur Kategorie "Material, das geeignet ist, kleine Kinder zu verstören" oder "Material, das als schlechtes Vorbild für Kinder verstanden werden könnte"? Auch die hinzugefügte Kontextkategorie, die es den Anbietern erlaubt, sich als künstlerisches – dann sind Brüste erlaubt –, informatives oder pädagogisch wertvolles Angebot zu kennzeichnen, dürfte für sehr unterschiedliche Bewertungen sorgen. Eindeutig ist die Kategorie Chat: ja oder nein.

Nach wie vor befürchten Kritiker, dass ein System wie ICRA entweder wirkungslos bleibt, weil sich nur wenige Content-Anbieter der Mühe des Self-Rating unterziehen. Oder aber, dass eine solche Architektur zu Zwangsmaßnahmen staatlicher Regulierer einlädt. Letzteres wird von den ICRA-Mitglieder kategorisch abgelehnt.

Das ICRA-Argument zur Frage, warum man sich denn seine Website selbst klasifizieren sollte, zeigt aber auch noch einen anderen Zensurmechanismus. "Wenn Sie eine kommerzielle Seite betreiben, die kein oder wenig angreifbares Material enthält, wollen sie doch sicher nicht, dass Ihre Seite 'by default' geblockt wird." Im Klartext: Wenn ICRA sich durchsetzt, bleibt den Anbietern nichts anderes übrig, als sich selbst nach dem ICRA-System einzustufen, wollen sie nicht Gefahr laufen, von vornherein ausgefiltert zu werden. Die Frage, wie viele Anbieter sich wissentlich oder unwissentlich falsch einstufen werden, bleibt dabei allerdings weiter unbeantwortet. "Wir sind mit Unternehmen im Gespräch, die uns automatisierte Systeme bei der Überprüfung von Ratings zur Verfügung stellen können", sagt Hoff. "Wenn eine Seite 'null-null-null'-bewertet ist, aber 120 Mal das Wort Sex vorkommt, kann man checken, was es für eine Seite ist."

Selbst innerhalb der Europäischen Kommission, die das Projekt fördert, ist aber nicht unumstritten, ob eine Verlagerung der "Filterlast" auf alle Inhalteanbieter sinnvoll ist. Leicht könnte ein "faktischer" Rating-Zwang dadurch entstehen, dass große Unternehmen einfach durch ihre Marktposition ein Filtersystem durchsetzen. 80 Prozent des Internet-Verkehrs könnte durch eine Rating der 1000 wichtigsten Seiten erfasst werden, meint Hoff.

Dem Wettbewerb mit anderen Filteranbietern sehe man gelassen entgegen, erklärte Hoff. Erstens verstehe man sich ohnehin als Non-Profit-Unternehmung – Labeling- und Filtering-Funktionen werden den Benutzern kostenlos zur Verfügung gestellt. Zweitens, betonte Hoff, sei er bei vielen Filterangeboten misstrauisch. Erst kürzlich habe er vom Anbieter einer Seite zur Information über Sexualität für Jugendliche erfahren, dass viele Schulen das Angebot ausfilterten. (Monika Ermert) / (jk)