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IDF: Intels Atomzeitalter

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Der Atom-Prozessor (oben) ist kleiner als das Die manches anderen Prozessors und entsprechend günstig zu fertigen. Größer ist der System Controller Hub (unten).
Der Atom-Prozessor (oben) ist kleiner als das Die manches anderen Prozessors und entsprechend günstig zu fertigen. Größer ist der System Controller Hub (unten).

Intels CEO Paul Otellini hält ihn für die wichtigste Produkteinführung seit Jahren, unter seinem Codenamen Silverthorne erschienen die ersten Informationen, auf der CeBIT wurde sein Marketingname Atom verkündet, und nun stand auf dem IDF in Shanghai die offizielle Vorstellung des Ultramobilprozessors auf dem Programm. Viele Details waren schon bekannt, einige wie Taktraten und TDP (Thermal Design Power, maximal über längere Zeit abzuführende Abwärme) präzisierte Intel, andere auch zum Chipsatz Poulsbo sind neu: So kommt der Atom-Prozessor in fünf Versionen auf den Markt, die Z500 bis Z540 heißen und in 1000er-Stückzahlen inklusive Chipsatz 45 bis 160 US-Dollar kosten. Zudem verpflichtet Intel sich, eine Embedded-Version die nächsten sieben Jahre lang ausliefern zu können.

Der Atom Z500 läuft mit 800 MHz und hat eine TDP von lediglich 0,65 Watt. Die drei mittleren Modelle kommen mit zwei Watt aus. Das Spitzenmodell Z540 erreicht 1,86 GHz bei einer Abwärme von 2,4 Watt – immer noch deutlich weniger als die aktuellen Rekordhalter Core 2 Solo, die bei 5,5 Watt nur maximal 1,33 GHz erreichen. Beim Nichtstun (Idle Power C6) drosselt Atom die Leistungsaufnahme auf 0,1 Watt, bei normalen Anwendungen reichen ihm 0,22 Watt. Die Atom-Modelle ab dem Z520 unterstützen Hyperthreading zum besseren Auslasten der Funktionseinheiten, was die TDP um 0,2 Watt anhebt. Alle Varianten haben 512 KByte L2-Cache und sind voll x86-kompatibel, zudem kennen sie die Befehlssatzerweiterungen VT (Virtualisierung), Execute Disable und SSE3.

Name Taktrate FSB TDP ohne / mit HT Preis
Z500 800 MHz FSB400 0,65 W / – 45
Z510 1,1 GHz FSB400 2 W / – 45
Z520 1,33 GHz FSB533 2 W / 2,2 W 65
Z530 1,6 GHz FSB533 2 W / 2,2 W 95
Z540 1,86 GHz FSB533 2,4 W / 2,64 W 160
Preis in US-Dollar inklusive Chipsatz für OEM-Kunden in 1000er-Stückzahlen

Nettops sind eine Art schwachbrüstige und sehr billige PCs; im Unterschied zu Thin Clients können sie alles aus eigener Kraft ohne Server erledigen.
Nettops sind eine Art schwachbrüstige und sehr billige PCs; im Unterschied zu Thin Clients können sie alles aus eigener Kraft ohne Server erledigen.

Das Die mit 47 Millionen Transistoren ist 24,2 mm2 groß, der ganze Prozessor misst nur 182 mm2 und wird aufs Board gelötet; eine Sockelversion ist nicht vorgesehen. Zum Vergleich: Schon das Die des aktuellen Core 2 Penryn ist 107 mm2 groß, besteht allerdings auch aus zwei Kernen mit zusammen 410 Millionen Transistoren. Doch mit diesem soll Silverthorne gar nicht konkurrieren, zumal er als auf geringe Leistungsaufnahme konzipierte Neuentwicklung bei gleichem Takt langsamer als Penryn läuft. Bestenfalls dürfte er das Niveau des Banias im ersten Pentium M erreichen.

Stattdessen hat Intel zwei andere riesige Einsatzgebiete im Auge: die mobilen Internetgeräte (MID) und die besonders billigen PCs und Notebooks, Nettop und Netbook getauft. Zur Abgrenzung dieser doch sehr unterschiedlichen Segmente muss wieder das Centrino-Label herhalten. Den Aufkleber "Centrino Atom" sollen nur MIDs tragen, die neben Silverthorne auch den Einchip-Chipsatz Poulsbo und ein Funkmodul nutzen sowie bestimmte Gehäusemaße einhalten. Hingegen brauchen mit "Atom" beklebte Geräte keinen Funk, können einen anderen Chipsatz (beispielsweise im Vergleich zu Poulsbo billigere, aber mehr Platz und Strom beanspruchende Varianten des Mobile 965) nutzen und dürfen statt Silverthorne auch den billigeren Diamondville verwenden – zu dem Intel übrigens keine weiteren Details verraten hat; möglicherweise handelt es sich um um eine Art Atom-Celeron mit kleinerem L2-Cache oder höherer TDP.

Viel hat Intel über den MID-Chipsatz Poulsbo erzählt, der offiziell System Controller Hub (SCH) heißt. Er vereint eine grafikfähige Northbridge und eine Southbridge in einem Chip und misst dabei nur 22 mm × 22 mm. Dass er wie bei Chipsätzen üblich in einem weniger modernen Herstellungsverfahren als der Prozessor gefertigt wird, macht sich beim Stromverbrauch unangenehm bemerkbar: Die durchschnittliche Leistungsaufnahme liegt mit 0,6 bis 0,8 Watt um ein Mehrfaches über der des Prozessors.

Die Systeminformation zeigt einen Atom N270 mit 1,6 GHz, möglicherweise ein Diamondville.
Die Systeminformation zeigt einen Atom N270 mit 1,6 GHz, möglicherweise ein Diamondville.

Der Grafikkern unterstützt DirectX9 und soll HD-Videos im 1080i- und 720p-Format dekodieren können. Externe Displays steuert er nur mit recht geringen Auflösungen (1366 × 768, 1280 × 1024, 1080i, 720p) an, aber immerhin digital. Das Speicherinterface ist einkanalig ausgelegt, es spricht maximal 1 GByte DDR2-Speicher an. Ein SATA-Adapter fehlt, Massenspeicher werden per PATA (eine passende SSD aus eigenem Haus hatte Intel auf der CES gezeigt) oder USB (auch da hat Intel eine SSD) angebunden. Von den acht USB-2.0-Ports ist einer als Client konfigurierbar. Zudem stehen zwei PCIe-x1-Schnittstellen, drei SDIO-Ports und ein HDA-Anschluss zur Verfügung.

Viele MIDs mit Centrio-Atom-Label hatte Intel schon auf der CeBIT gezeigt oder sie waren vorher bekannt. Daneben stellte Intel auf dem IDF einige Netbooks und Nettops aus. Zu den ersten Diamondville-Geräten dürfte das Netbook von MSI zählen, aber auch Asus wird wohl einen Eee PC mit Atom-Innenleben herausbringen, vielleicht sogar schon den Eee PC 900. Die Vorteile der neuen Plattform liegen eher im Detail, beispielsweise dürfte die Kühlung der Atom-Prozessoren billig zu realisieren sein.

Für die MIDs bringt Atom im Vergleich zur bisherigen UMPC-Plattform mit Core-2-Prozessor zwar schon einen großen Gewinn an Platz und Effizienz, doch lassen sich damit nur Geräte etwa im Format eines Taschenbuchs oder eines fetten PDAs realisieren. Die nächste Schrumpfung hat Intel mit Moorestown aber schon angekündigt, dort wandert der Grafikkern dann in den Prozessor, und ein Wireless-Modul mit SDR (Software Defined Radio) soll dann WLAN, WiMax, Bluetooth und HSDPA gemeinsam beherrschen. Erst so ein Atömchen ließe sich dann in Smartphone-Gehäuse einbauen, die man gerne ständig mit sich herumträgt.

Viele Netbooks und MIDs laufen unter Linux, weil Microsoft keine auf der eingeschränkten Hardware vernünftig angepasste Windows-Version zustande bekommt.
Viele Netbooks und MIDs laufen unter Linux, weil Microsoft keine auf der eingeschränkten Hardware vernünftig angepasste Windows-Version zustande bekommt.

Bis dahin dürfte sich auch in puncto Plattform einiges bewegt haben. Intel propagiert die vollständige x86-Kompatibilität von Atom als großen Vorteil, doch der lässt sich nur unter Windows nutzen. Viele Atom-Geräte sind dafür jedoch zu schwachbrüstig, zudem unternimmt Microsoft keine sichtbaren Anstrengungen, ein auf die Bedürfnisse der Kleinrechner angepasstes Windows herzustellen; vor allem mit den kleinen Displays kommt Windows nicht gut zurecht. So kommt auf vielen Atom-Geräten Linux zum Einsatz, was einen Teil des Kompatibilitätsvorteils wieder auffrisst – Plug-Ins, ActiveX-Controls oder Codecs fehlen, Internet-Seiten sind auf den Microsoft Explorer zugeschnitten.

Intel beschäftigt zwar viele Programmierer, die diese Lücken schließen und die MIDs mit schönen Oberflächen versehen sollen. Doch die Konkurrenz schläft nicht und hat noch ein Jahr Zeit, ihre meist mit ARM-Prozessoren laufenden Geräte mit besserer Software oder ein paar hundert Megahertz höherer Taktrate aufzupeppen. Die Bestrebungen, dem iPhone Flash beizubringen, verlaufen zwar bisher im Sand, aber immerhin hat auch Apple die Notwendigkeit erkannt, einige Techniken nachzurüsten. Symbian baut einen kompatibleren Browser, eine Datenbank, Silverlight und sogar eine Schnittstelle für Location Based Services ein; zudem erscheint ein besserer VPN-Client. Microsoft stattet Windows CE mit PDF- und Flash-Player aus. Nokias N810 kann von sich aus schon viel und lernt den Umgang mit PalmOS-Anwendungen. Und schließlich stellt sich die Frage, ob der eingeschränkte Leistungsumfang des Unterwegs-Internets nicht schon für viele Anwender ausreicht. Unterwegs dürften auch mit besseren Browsern viele komplexe Seiten aufgrund der winzigen Displays und unkomfortablen Tastaturen keinen großen Nutzen haben.

Mehr zum IDF Shanghai 2008:

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