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IETF 95: Streit um Gnadenschuss für IPv4

Im Standardisierungsgremium fürs Internet fällt die erste Forderung, alle Arbeiten am ehrwürdig ergrauten Internet-Protokoll v4 einzustellen. Erste Reaktionen im Plenum reichen von "Größenwahn" bis "Irrsinn".

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Mit einem Vorschlag, IPv4, das Basisprotokoll der Internet-Kommunikation, zum historischen Standard zu degradieren, sorgte ein Vertreter von Time Warner Cable für erheblichen Aufruhr auf dem 95. Kongress der Internet Engineering Task Force. Lee Howard, Director Network Technology bei Time Warner Cable, beschwor die Entwickler: "Wir müssen aufhören, unsere Zeit für immer neue Transitionstechniken zu verschwenden". Mit der faktischen Degradierung zum historischen Standard sollten alle Arbeiten an IPv4 im Standardisierungsgremium für Internet-Protokolle eingestellt werden.

Aktuell stecken die Internet-Vordenker in einer Zwickmühle. Das IPv4-Protokoll ist den modernen Anforderungen erwiesenermaßen nicht mehr gewachsen, weitere IPv4-Adressen können nicht mehr vergeben werden, weil die Vorräte aufgebraucht sind. Doch der Nachfolger IPv6 verbreitet sich nach Meinung mancher Fachleute zu langsam. Das dürfte zum Teil auch daran liegen, dass die IETF selbst, die für IPv6 entwickelten Neuheiten stets umgehend für IPv4 nachspezifiziert. So könne IPv6 eigentlich nie besser werden als IPv4, warnte Howard im Verlauf der hitzigen Debatte in Buenos Aires. Er schlägt daher vor, diesem Treiben durch die Einstufung von IPv4 als "historisch" endlich einen Riegel vorzuschieben.

Die IETF hat für diese Einstufung Regeln festgelegt (RFC 2026): "Eine Spezifikation, die von einer neueren Version abgelöst oder aus anderen Gründen obsolet wird, wird als "historisch" klassifiziert“. Für IPv4 (RFC 791) ist das nach Ansicht von Howard ganz eindeutig der Fall: "IP Version 6 (IPv6) ist die neue Version des Internet Protokolls, die geschaffen wurde, um IP Version 4 (IPv4) abzulösen", zitiert Howard aus RFC 2460, der Spezifikation von IPv6.

Die Konsequenzen einer IPv4-Verrentung wären weitreichend. An historischen Standards darf in der IETF nicht mehr gearbeitet werden – keine Updates, keine Referenzierung in neuen Standards. Noch nicht einmal Bugfixes würden entwickelt werden. Howard schickt aber zur Beruhigung hinterher: "Es ist ja nicht so wahrscheinlich, dass wir da noch was finden". Spätestens seine Forderung, auch Transitionsmechanismen für die beiden inkompatiblen IP-Versionen mit abzuwürgen, geht manchen Fachleuten aber noch zu weit. Auch sei sie nicht durch einschlägige RFCs gedeckt.

Der angedachte Gnadenstoß für IPv4 erntete aber auch geharnischte Ablehnungen. "Es ist nicht Aufgabe einer Standardisierungsorganisation, Bullshit zu produzieren", wetterte Geoff Huston, Chef-Wissenschaftler bei APNIC. Ein willkürlicher Stop der IPv4/IPv6-Dual-Stack-Standardisierung sei bestenfalls eine Einladung an andere Standardisierungsorganistion, den Job der IETF zu übernehmen und obendrein "Irrsinn" und "Größenwahn". Ein Standardisierungsende in der IETF könne sogar mehr Unheil heraufbeschwören als es beseitigen soll.

Als Beispiel nannte Huston fehlende Standards für die Network Adress Translation (NAT), welche viele Hersteller, Netzbetreiber und Diensteanbieter zu "kreativen Lösungen" animiert hätten. Der Preis dafür sei ein anhaltender Ärger mit dem Wildwuchs aus inkompatiblen NAT-Boxen. Bei 50 bis 60 Millionen IP-fähigen Produkten, die in den nächsten Jahren ins Internet strömen, und dann IPv4 womöglich auf vielfältige Weise fortführen, wäre die Katastrophe leicht absehbar, sagte der erboste Huston.

Fred Baker, Senior Engineer bei Cisco erinnerte daran, dass die IETF ganz schön viel damit zu tun habe, bestehende Standards nachzubessern, die einen IP-Bezug haben – "Da kriegt ihr eine schöne lange Updateliste". Rüdiger Volk, Routing-Guru der Deutschen Telekom, mahnte, die Öffentlichkeit könne leicht den Eindruck bekommen, "dass die IETF den Bezug zur Realtität verloren hat". Mit der Intention, ein starkes Signal für IPv6 zu senden, symphatisiere er aber.

Vertreter von Facebook, Apple und Microsoft äußerten sich ähnlich. Durch die fortlaufende Arbeit an IPv4 in der IETF erwecke man womöglich unabsichtlich den Eindruck, dass man mit IPv4 nach wie vor langfristig planen könne, warnte ein Facebook Ingenieur. Gelobt wurde in der Debatte Apples Entscheidung, IPv6 für iOS9-Apps verbindlich zu fordern.

Volk empfahl der IETF, eine bei Herstellern übliche Ankündigung für Auslaufprodukte zu erwägen: Vor dem "End of Life" kommt hier das "End of Engineering". Damit signalisiert man, dass das Produkt noch zu haben ist und etwaige Sicherheitsprobleme gefixt werden, neue Features aber nicht mehr entwickelt werden.

Unterstützung gab es in Buenos Aires auch dafür, IPv4 das Label "auf dem Weg zum historischen Standard" zu verpassen. Allerdings herrscht keine Einigkeit, ob 50 Prozent IPv6-Verbreitung genügen, um IPv4 in den Ruhestand zu versetzen oder ob es mindestens 80 Prozent sein müssen.

Wie das von allen begrüßte "starke Signal" für IPv6 formuliert werden soll und ob es von den Peer-Gremien oder der Entwickler-Community als ganzes kommen muss, darüber darf sich jetzt Lee Howard, den Kopf zerbrechen. Howard räumte ein, dass die finale historisch-Klassifizierung noch "etwas verfrüht" sei. (dz)